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Gott und ich auf der Suche nach Elefanten – ein Traum

Eines Nachts träumte ich davon ein unbedarftes Tigerjunges zu sein. An meiner Seite lief Gott in Gestalt eines mächtigen Tigers. Ich liebte die raubtierhafte Geschmeidigkeit und Stärke meines Körpers, die es mir ermöglichte mich mit Leichtigkeit durch die hohen Gräser, die Urwälder des Dschungels und den tiefen Schnee zu bewegen. Diese Welt schien keine Begrenzungen für mich vorzusehen, beinahe so als könnte ich im freien Raum fliegen. Ich fühlte mich unbesiegbar.

Gott sprach zu mir: „Höre. Du sollst einmal Herrscher über Babel sein. Doch zuvor werde ich Dich unterrichten, denn Du musst noch sehr viel lernen. Wir wollen damit beginnen Elefanten zu jagen, denn diese gefährliche Jagd erfordert viel Geduld und Ausdauer, geschärfte Sinne, Deine ganze Aufmerksamkeit und große Geschicklichkeit.“

Mir war es Recht, denn so würde ich spielerisch mein Können ausprobieren und Gott einmal zeigen können, wozu ich schon in der Lage war. Ohnehin beeindruckte mich die Aufgabe nicht sonderlich, denn ich war mir sehr sicher mit jedem Gegner leicht fertig werden zu können. So pirschten wir leise und geschwind durch den Dschungel. Nur kurze Zeit später kamen wir an den Waldrand und vor uns öffnete sich eine weite Flussebene, in der prompt eine große Herde Elefanten weidete.

Gott seufzte: „Dir fällt alles zu, es wird Dir immer viel zu leicht gemacht. Aber wie sollst Du denn ohne Hindernisse etwas lernen?“

Doch ich hörte ihn kaum mehr. Ich war bereits aus meiner Deckung gesprungen und jagte auf die Herde zu, auf der Suche nach einem Elefanten, der leichte Beute wäre. Ich machte einen jungen Bullen aus, den ich erlegen wollte. Mir lag nichts daran ihn zu töten, im Grunde wollte ich nur spielen. Und bevor ihm die größeren Tiere zu Hilfe kommen konnten, sprang ich das überraschte Tier an, rang es zu Boden und setzte ihm meine Reißzähne an die Kehle. Es erstarrte sofort und ergab sich in sein Schicksal. Da ließ ich von ihm ab und kehrte stolz zurück zu Gott, der am Waldrand auf mich wartete.

Er schüttelte den Kopf. „Du wähnst Dich unbesiegbar und glaubst Du hättest die Jagd für Dich entschieden, weil Du den Elefanten besiegen und kontrollieren konntest. Aber ein so weises Tier hat man besser zum Freund.“

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Dieser Traum war sehr eindrücklich und verfolgt mich noch heute. Ich sollte Herrscher über Babel werden, indem ich lernte Elefanten zu jagen, ohne sie zu besiegen. Was wollte mir diese Geschichte sagen?

Einer Deutung des alten Testaments nach war Babel der Ort, an dem die überheblichen Menschen einen hohen Turm bauten, um Gott gleichzukommen. Dieser brachte daraufhin die babylonische Sprachverwirrung über sie, damit das Projekt scheitern sollte.

Wie wäre es, wenn wir diese biblische Geschichte einmal aus einer yogischen Perspektive betrachten würden: Indem die Menschen einen Turm bauten, folgten sie auf unbeholfene Weise ihrem tiefsten Bedürfnis zu Gott zu kommen. Aber sowohl das Stimmengewirr in ihren Köpfen als auch untereinander, verbarg vor ihnen, dass Gott (oder „ishvara“ wie die Yogis dazu sagen würden) bereits da war, als Essenz, die vor, in und hinter allem liegt. Auch in meinem Traum begleitete mich Gott von Anfang an. Ich konnte ihn nur nicht recht sehen bzw. hören, da ich so sehr von meiner eigenen Großartigkeit eingenommen und abgelenkt war. Babel wäre somit kein Ort auf der Landkarte, sondern das Stimmengewirr unseres unruhigen Geistes. Über den rājayoga Patañjalis, den königlichen Yoga, wird gesagt, die Herkunft des Namens leite sich daraus ab, dass derjenige, der seinen Geist meistern kann, ein wahrer Herrscher sei. Der Herrscher von Babel wäre in dieser Deutung kein König über einen Ort oder über andere, sondern jemand, der die rastlosen Bewegungen seines Geistes zur Ruhe zu bringen vermag und in dieser Stille den Zustand des Yoga erreicht. (Patañjali I.2: „yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ“ – im Zustand des Yoga sind die Wellen des Geistes zur Ruhe gekommen). Der Babeltiger ist somit ein Wesen, das versucht friedlich seinen Geist zu zähmen, die eigene geistige Verwirrung zu überwinden, um schließlich den Zustand von Vereinigung und Einssein, mit anderen Worten von Yoga, zu erreichen.

Aber was sagte der Traum darüber aus wie man das erreichen könnte? Durch eine Elefantenjagd, bei der man einen Elefanten als Freund gewinnt?!

10 Jahre später, während meiner prāṇāyāma -Übungen, träumte ich wieder von einem Elefanten. Diesmal war es nicht mehr das ängstliche Jungtier, sondern ein ausgewachsener weißer Bulle, mächtig, erfahren und unbesiegbar. Und nun lernte ich diese nächste Lektion…

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