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abhyāsa und vairāgya – den Wind einfangen

„Yogaś-citta-vṛtti-nirodhaḥ“ – im Zustand des Yoga sind die Bewegungen des Geistes zur Ruhe gekommen, schreibt Patañjali (I.2).

Die Bewegungen des Geistes zur Ruhe kommen zu lassen, sei so schwer wie den Wind zu fangen, heißt es in der Bhagavad Gītā (VI.34).

Ziemlich sicher gelingt uns das nicht beim ersten Versuch. Also versuchen wir es immer und immer wieder auf unterschiedlichste Weise.

Diese ausdauernde Praxis meint „abhyāsa“. Zu „Scheitern“ ist ein ganz natürlicher, integraler Bestandteil dieser Praxis. Man kann das vielleicht mit dem Weg durch ein Labyrinth vergleichen, in dem man selbstverständlich immer wieder in Sackgassen gerät, zurückkommt und einen anderen Weg ausprobiert, mit dem Wissen, dass es keinen geraden Weg heraus gibt…

Wir können beispielsweise versuchen in jedem Moment unseres Lebens die yamas und niyamas zu berücksichtigen, also friedvoll, ehrlich, bescheiden, engagiert usw. zu sein, aber es wird uns vermutlich nicht immer voll und ganz gelingen. (Und würden wir das zwanghaft versuchen, so würden wir alleine schon dadurch dagegen „verstoßen“.) Also ist es sinnvoller diese Leitlinien eher als Anregungen zu verstehen, die unsere Praxis inspirieren können.

Wir können den Anspruch haben uns in den körperlich anspruchsvollsten āsanas perfekt und anmutig auszurichten, während wir gleichzeitig voll Gleichmut unsere ruhige, gleichmäßige Atmung beobachten. Und dabei werden wir womöglich manchmal bemerken, dass wir überhaupt nicht mehr atmen und sich unser Gesicht zu einer verkrampften Grimasse verwandelt hat…

Wir können den Vorsatz haben unsere Sinne im besten pratyāhāra zu meistern, um dann doch vom Duft eines frisch gebackenen Streuselkuchens ins Schlaraffenland entführt zu werden.

Oder wir können uns während unserer dhāraṇa-Praxis bemühen unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf unsere Atmung zu bringen, um plötzlich festzustellen, dass unser Geist ganz und gar darauf ausgerichtet ist uns vorzuwerfen nicht richtig zu atmen…

Was soll’s? Alles kein Drama.

Die Praxis ist dann wertvoll, wenn wir es nicht versäumen immer wieder zurück zu kommen und genau dabei Ausdauer zeigen. Sie lebt davon, dass wir unser Scheitern als Anlass nehmen, um es einfach noch einmal zu versuchen. Es mag uns vielleicht nicht gelingen alles zu verwirklichen, aber es kann uns gelingen immer wieder zurück zu kommen und die Abstände zwischen unseren Versuchen nicht zu groß werden zu lassen. Statt unsere Praxis auf „morgen“ zu verschieben, können wir gleich heute damit anfangen, vielleicht unzulänglich, aber wir tun was wir gerade können.

Die Praxis gewinnt auch dann, wenn wir sie nicht mechanisch ausüben, sondern verstehen was wir tun und uns ganz dieser einen Sache widmen, die wir machen möchten.

Dabei können wir versuchen unser Ego mit seinem Ehrgeiz, seinem Perfektionismus und allen anderen Anhaftungen (ich will, ich muss, ich soll…) samt der dazugehörigen Frustrationen etwas zu entspannen. Es kann helfen einfach achtsam und aus vollem Herzen zu tun was wir tun, ohne Ergebnisse, Erfolge oder eine Belohnung zu erwarten. Diese Form des Gleichmuts und des Loslassens wird vairāgya genannt und sie bildet die andere, ebenso wichtige Seite von abhyāsa.