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Einmal Fuchs ohne Frühstück, bitte

Seit Jahren ziehe ich mich regelmäßig für ein paar Tage in eine kleine Höhle zurück, die ich in einer Felswand entdeckt habe. Ich nenne es meine „Höhle“, aber eigentlich ist es eher ein überdachter Absatz. Er ist wie ein versteckter Balkon in einen 200m hohen Felsen eingelassen, der mitten aus einem ehemaligen Raubritterwald ragt. Dort sitze ich dann, sehe die bewegten Bäume unter mir und den wilden Himmel über mir, manchmal meditiere ich und werde innerlich still. Eigentlich.

Denn während einem meiner Aufenthalte begegnete ich nachts dem Räuberfuchs, und meine innere Gelassenheit war schnell dahin.

Die anbrechende Nacht ließ sich wie ein Disneyfilm an, in dem die Tiere miteinander sprechen. Schon zur Dämmerung besuchte mich ein kleiner Siebenschläfer. Er setzte sich direkt vor mir auf eine heranwachsende Birke, guckte zu mir herüber und knabberte entspannt an den Zäpfchen, die an dem Bäumchen hingen.

Wenig später schauten zwei Haselmäuse vorbei, die zutraulich bis zu meiner Decke kamen und dort meine Nüsse futterten. Der Vollmond zog in einem weiten Bogen vorbei, und es war es eine helle Nacht.

Irgendwann nickte ich ein. Plötzlich schreckte ich hoch. Da waren doch Geräusche! Es muss wohl gegen Mitternacht gewesen sein. Der Räuberfuchs stand nur drei Schritte vor mir entfernt. Er sah mich fragend an, so als wolle er wissen, was er wohl von mir zum Fressen bekommen würde. Ich bekam einen Riesenschreck, denn unten im Wald hatte ich bereits am Tag zuvor ein Schild gesehen, das vor einem „verhaltensauffälligem Fuchs“ warnte, der bereits Wanderer gebissen habe. Um ihn zu vertreiben, fauchte und knurrte ihn an, leuchtete mit meiner hellen Taschenlampe in sein Gesicht und warf kleine Kiesel nach ihm. Er huschte ein paar Meter davon, blieb aber sogleich wieder stehen und sah mich weiter fordernd an. Ich verstärkte meine Bemühungen und schließlich konnte ich ihn ganz vertreiben. Da ich dem Frieden nicht traute, baute ich aus meinem Campinggeschirr, etwas Schnur und Wanderstöcken eine Art Lärmfalle, mit der ich den Zugang versperrte. Danach entzündete ich noch eine Kerzenlaterne und legte all meine Sachen dicht um mich herum. Unruhig schlief ich wieder ein.

Ein zweites Mal weckte mich der Fuchs, als er direkt an meinem Kopf und meinen Sachen schnubberte. In meinen engen Schlafsack gefesselt starrte ich direkt in sein spitzes Gesicht, das nur wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Ich erschrak heftig und war überzeugt, dass er mich nun beißen würde. Sofort versuchte ich ihn wieder zu vertreiben, diesmal jedoch noch lautstärker. Meine Idee war, dass ich nur furchterregender für ihn sein müsse, als er es für mich war. Meine Vorkehrungen und Warnvorrichtungen hatten ihn nicht aufgehalten. Er schien sie mit Leichtigkeit überlistet zu haben, und ich hatte keine Idee mehr, wie ich mich vor ihm schützen könnte. Aufgewühlt und ängstlich malte ich mir aus, wie er mich beißen würde, dass er bestimmt tollwütig sei und ich einen fürchterlichen Tod sterben müsste… Hundemüde wälzte ich mich lange hin und her und bei jedem Knacken und Rascheln im Wald schien ich den Fuchs zu hören. Ich versuchte wieder einzuschlafen, aber lange Zeit war daran nicht zu denken, ich hatte zu viel Angst…

Irgendwann wurde ich einfach zu müde. Mein Körper gab als Erstes auf und begann die Situation zu akzeptieren. Mein Geist folgte schließlich. Es machte keinen Sinn sich gegen die Situation zu wehren, ich musste mich ihr ergeben und irgendwie damit umgehen. Also holte ich den Packsack mit den Lebensmitteln heraus und stellte ihn ein paar Meter vor meinem Schlafplatz auf. Innerlich lud ich den Fuchs zum Fressen ein. Und so schlief ich schließlich ruhig ein. Als ich am Morgen aufwachte, war ich verwundert, dass mich der Fuchs nicht noch ein drittes Mal geweckt hatte.

Noch etwas müde aber fröhlich wollte ich mir Frühstück machen. Da erst sah ich, dass er sich über mein Essen vermutlich gefreut hatte, denn er hatte alles stibitzt. Der Packsack war verschwunden.

Als ich die nächsten Jahre wieder in meiner Höhle schlief, bemerkte ich, dass ich jedesmal insgeheim hoffte, dass der Fuchs mich wieder besuchen möge. Ich hatte mich wohl innerlich mit ihm angefreundet, denn ich dachte mit Dankbarkeit an ihn und die Lektion, die er mir schenkte.

Jahre später, während meiner Yogalehrerausbildung, erzählte mir mein Meditationslehrer Detlev die Geschichte von einem Yogi, der im Himalaya von verspielten wilden Geistern heimgesucht wurde und nicht mehr zur Ruhe kam, bis er sie schließlich zu einem Festessen einlud. So freundeten sie sich an und die Geister bewachten ihn fortan.

Ich weiß bis heute nicht, wie es der Fuchs geschafft hatte bis zu meiner Höhle zu klettern. Sicherlich muss es ein Geist gewesen sein, der mich narrte… Er passt noch immer auf mich auf, denn ich habe seitdem keine Angst mehr Wald.