Achtsamkeitspraxis Blog Prāṇāyāma

Ganz behutsam, Schritt für Schritt (śanaiḥ śanaiḥ)

śanaiḥ śanaiḥ“ – langsam, Schritt für Schritt, mit viel Geduld und Ausdauer, sollten wir uns dem erwünschten Bewusstseinszustand annähern, empfiehlt Krishna in der Bhagavad Gita (VI.25).

Prāṇāyāma ist ein offener Prozess, den einer meiner Lehrer, Shrikrishna, einmal mit der langsamen Reifung einer Frucht verglichen hat: Wie die Feigenfrucht, die die Wärme, die Nährstoffe und das Wasser eines jeden Tages in sich aufnimmt, um schließlich, wenn sie ganz reif, süß und voller Saft ist, fast von alleine in unsere Hand zu fallen. Pflücken wir sie hungrig vor ihrer Reife vom Ast, so bekommen wir womöglich nicht wonach wir gesucht haben, sondern nur Magenschmerzen…

Praktizieren wir prāṇāyāma versuchen wir zu sein wie diese Feige: Wir entspannen uns und lassen den inneren Zeitdruck los. Wir arbeiten mit dem, was gerade für uns verfügbar ist. Wir bewegen uns mit der Erfahrung eines jeden Augenblicks, Atemzug für Atemzug.

Bemerken wir, dass wir ungeduldig darauf warten, dass es endlich erreicht ist, sich das Ergebnis einstellt, die Übung zu Ende geht, so kehren wir mit unserer Aufmerksamkeit einfach wieder zurück zu unserer Atmung. Ohne uns erneut abzulenken, indem wir uns vorwerfen, dass wir ungeduldig waren…

Dieses behutsame, langsame und zugleich beharrliche Vorgehen hat verschiedene Gründe.

Zum einen braucht es Zeit unsere Körperwahrnehmung zu schulen und so zu verfeinern, dass wir zum Beispiel die Bewegungen unseres Zwerchfells oder die einzelnen Muskelgruppen unseres Beckenbodens wirklich innerlich wahrnehmen und unterscheiden können (und uns das alles nicht nur in unserer Vorstellung ausmalen). Die entsprechenden neurologischen Strukturen müssen sich in unserem Gehirn erst einmal bilden. Und das geschieht am ehesten durch Wiederholungen mit großer Aufmerksamkeit.

Zum anderen führt die innere Eile tendenziell dazu, dass wir unsere aktuell verfügbaren Atemräume einengen und wir zudem abgelenkt sind. Wir verlieren also letztendlich sogar Zeit, wenn wir versuchen uns zu beeilen. Zieht man zudem in Betracht in wie viele existenzielle Vorgänge unsere Atmung involviert ist, wird auch das Bild des (gefährlichen) Spiels mit einem schlafenden Tiger verständlich.

Und nicht zuletzt entspringen die Ideen und Vorstellungen etwas in einer bestimmten Zeit erreichen zu müssen oder zu sollen, unserem unfreien Geist. Sie basieren gänzlich auf einer Illusion von uns selbst und führen uns in die Irre, da sie dieses falsche Bild von uns nur wieder erneut bestätigen…

Mehr dazu im Teil: Prāṇāyāma Basics #3