Achtsamkeitspraxis Blog Prāṇāyāma

Selbst die größten Tiger fangen mal klein an (yathā-śakti)

Wir beginnen immer unweigerlich dort, wo wir gerade sind. Wo bin ich also gerade? Was möglich ist, unterscheidet sich von Tag zu Tag. Was sind also in diesem Augenblick meine Möglichkeiten? In dem Vertrauen darauf, dass wir wachsen werden, stellen unsere Limitierungen kein Problem dar – solange wir bereit sind sie anzunehmen. Erst wenn wir sie gewaltsam überwinden wollen, erzeugen wir Konflikte und sogar neue Probleme.

Mit fällt es häufig schwer zu akzeptieren wer ich gerade bin, ganz besonders wenn ich Begrenzungen im Vergleich zu meiner Erwartung spüre, wie z.B. schmerzhafte Verletzungen, Verspannungen, Erschöpfung, Überforderung oder innere Unruhe. Meistens gleiche ich mich mit den Vorstellungen ab, die mir sagen wie ich bzw. meine Praxis sein sollte, welche perfekte Form meine āsanas haben sollten, wie sehr ich mich anstrengen sollte, wie entspannt ich sein sollte oder wie tief meine Atmung sein sollte.

Natürlich wollen wir gerne das Maximum unserer momentanen Kapazität nutzen, und das gelingt uns bei prāṇāyāma interessanterweise am ehesten durch Mühelosigkeit („sūkṣma“) in unseren „Bemühungen“. Ohne zu kämpfen, indem wir es geschehen lassen, können wir unser ganzes Potenzial auf natürliche und gewaltlose Weise ausschöpfen – und so kann sich unsere Atmung ganz ohne Anstrengung verlängern („dīrgha“) und vertiefen.

Der prāṇāyāma-Lehrer Shrikrishna verwendet dafür das Bild einer Blume, die wir behutsam in unserer Hand halten. Sie soll sich dort in ihrer ganzen Zartheit und Schönheit entfalten können, wir wollen sie nicht mit Gewalt dazu bringen sich zu zeigen und sie dabei am Ende gar zerquetschen.

Dafür ist es notwendig, dass wir auf unsere aktuellen Möglichkeiten Rücksicht nehmen:

Yathā-śakti bedeutet, dass wir entsprechend unseres momentanen Vermögens praktizieren.

Das schließt mit ein, dass wir verantwortlich mit unserer Energie umgehen und sie in angemessener Weise einsetzen: Ist die Art und Weise wie wir die Dinge tun für diesen Moment, in unserem Alter, in unserem aktuellen Zustand, in der aktuellen Umgebung angemessen? Oder gehen wir über unsere Grenzen, strengen wir uns körperlich zu sehr an, sind wir erschöpft, schlafen wir wenig, machen wir uns immerzu Sorgen, essen wir zu viel, zu wenig, zu spät oder zu ungesund, kompensieren wir mit Alkohol, Medikamenten oder anderen Aufputschmitteln? Das kann uns wertvolle Energie kosten. Es bedarf einer gewissen Achtsamkeit das zu bemerken. Und es kann bedeuten, dort eine Grenze zu ziehen oder etwas zu verändern, wo wir anderenfalls unsere Kräfte zu sehr strapazieren würden.

Wenn wir liebevoll mit uns umgehen, können wir darauf vertrauen, dass mit einer regelmäßigen Praxis von prāṇāyāma auch bestimmte Veränderungen kommen werden: Die Lunge kann sich dabei morphologisch vergrößern, d.h. die Lungenkapazität wächst und unser Atemvolumen nimmt zu. Die Atmung wird länger und feiner, wodurch die Atemluft nahezu turbulenzfrei strömen kann. Das verbessert wiederum die biochemischen Gasaustauschprozesse unserer sogenannten „inneren Atmung“ sowie die Verstoffwechselung. Eine Atmung, die von sūkṣma und dīrgha gekennzeichnet ist, aktiviert darüber hinaus unser parasympathisches Nervensystem: Pulsschlag und Blutdruck verringern sich bzw. werden reguliert, wir entspannen uns, können uns regenerieren und neue Energien sammeln. Auf einer geistigen Ebene werden wir in diesem Zustand sowohl ruhiger als auch klarer und wacher. Denn unsere Atmung und unser Geist sind innig miteinander verknüpft…