Achtsamkeitspraxis Blog

Ähm. AUM?

Was ist „AUM“ bzw. „OM“?

Es ist eine Silbe aus drei bzw. zwei Buchstaben.

Diese Silbe wird zu einem Klang aus drei Lauten, wenn wir sie singen, und in der sich wiederholenden Variante des Mantra wird diese Praxis auch pranava japa genannt.

Auch wenn ich schon intensive Erfahrungen mit dem sogenannten „OM-Chanten“ gemacht habe, und das auch praktiziere, so glaube ich nicht, dass in dieser Silbe ein immanenter Sinn liegt. Gut möglich, dass ich mich irre, aber die Bedeutung scheint mir gemacht zu sein: Mittels unserer Erfahrungen beim Praktizieren und durch die Geschichten, die wir uns darüber erzählen.

Man kann diese traditionsreichen, teils sehr bunten Geschichten weitererzählen, und viele Menschen finden darüber einen persönlichen Zugang. Besonders im Hinduismus, Jainismus, Buddhismus – und natürlich im Yoga spielt „OM“ eine große Rolle. Es wird assoziiert mit Transzendenz, der Anwesenheit von etwas Absolutem oder Göttlichem, es gilt als phonetische Repräsentation von ishvara. So werden sich beispielsweise Geschichten erzählt, in denen aus den AUM-Klangvibrationen das Universum entstand, in anderen Deutungen kommt jedem einzelnen Buchstaben eine eigene Bedeutung zu usw.

Aber was würde geschehen, wenn wir stattdessen „Amen“ singen würden? „Ähm“ oder „Arm“? Liegt darin nicht ebenso viel Heiliges?

Meine Beobachtung ist, dass sich auch ohne diese schönen Geschichten sehr viel zeigen kann, wenn man die Silbe OM „tönt“. Oder anders gesagt: Der Klang der Silbe, die keine Bedeutung hat, wird in meiner Yogapraxis jedes mal aufs Neue bedeutsam, indem er mir eine vielsagende Geschichte über mich selbst erzählt:

Spüre ich zum Beispiel einen Widerstand dieser „albernen Yogatradition“ gegenüber? Will ich mich von diesem „heiligen Getue“ abgrenzen, mich in einen Unterschied dazu setzen und definiere mich dann darüber? Oder fühle ich mich so richtig als Yogi, wenn ich hingebungsvoll mitmache? Spüre ich vor dem Singen innere Freiheit und ein Gefühl der Offenheit? Oder empfinde ich bei der Vorstellung gleich laut zu singen Scham und Unsicherheit? Habe ich eine Haltung eingenommen, in der mein Atem so tief und mein Zwerchfell so unverkrampft sind, um mit Leichtigkeit singen zu können? Oder nehme ich eher körperliche oder geistige Beschränkungen wahr? Fühle ich mich zentriert und ausbalanciert? AUM wird so etwas wie eine innere Gleichgewichtsübung.

Und weiter: Wie verändert sich die Qualität meiner Stimme während ich singe? Habe ich heute eine Stimme? Was für eine Stimme habe ich? Ist sie gepresst oder weich, kippt sie oder bleibt sie konstant, welche Tonlage wähle ich? Was mache ich, wenn ich nicht in den Ton der anderen einstimmen kann, weil er zum Beispiel zu hoch oder zu tief für mich ist? Wie lange kann ich den Ton halten, ohne mich dazu zu zwingen, ohne es einen Kampf werden zu lassen? Werde ich ehrgeizig und will den Ton länger als alle anderen halten? Bleibe ich von Anfang bis Ende bei meinem Ton?

Und was geschieht, wenn ich meinen Ton als Teil eines gemeinsamen Klangs, zum Beispiel in einer Yogaklasse wahrnehme? Bleibe ich bei mir, und gleichzeitig im Kontakt mit den anderen? Entsteht eine gemeinschaftliche Verbundenheit, oder versuche ich mein eigenes AUM durchzusetzen? Kann ich meine Stimme in der Gruppe hören, auch ohne das zu erzwingen, ohne sehr laut zu werden? Finde ich diese Balance, in der meine Stimme gleichgewichtet mit den anderen Stimmen zu hören ist? Wie klingen meine Nachbarn? Was trage ich zu diesem gemeinsamen AUM bei? Sorge ich dafür, dass es sanft ist? Beschwere ich mich innerlich bei den anderen, wenn der Klang oder mein „OM-Erlebnis“ nicht so ist, wie ich es mag? Oder übernehme ich die Verantwortung für mein Erleben?

Hört sich mein AUM und das AUM der Klasse am Ende der Praxis anders an als zu Beginn? Bewerte ich was ich wahrnehme, mich, die anderen, oder lass‘ ich es einfach eine Beobachtung sein und bleibe gleichmütig?

Und was geschieht mit mir in der Stille, nachdem der Klang verhallt ist? Ist das ein verdichteter oder eher ein weiter Moment? Was wirkt nach? Ist darin noch alles enthalten oder ist es einfach zu Ende? Bin ich aufgewühlter oder stiller geworden? Ist eine Verbindung entstanden, die über mein Tun und meine Erfahrung hinausgeht?

Alan Watts prägte einmal den Ausdruck von „Mitschwingen des Gewahrseins“, der mir so treffend für das Singen von AUM erscheint. Dazu bedarf AUM keiner Geschichten von Gott oder dem Universum. Vielleicht ist AUM nicht mehr als das. Aber vielleicht auch nicht weniger…

 

Alan Watts (1987): Meditation. Die Natur des Menschen. Goldmann