Achtsamkeitspraxis Blog Meditation

Wer zuerst denkt hat verloren? Meditation in Freiheit

Ein neuer Morgen. Ich setze mich für meine Meditationspraxis auf mein Kissen – und beginne damit Einkaufslisten im Kopf anzulegen, fiktive Dialoge mit Arbeitskollegen zu führen, den letzten Abend Revue passieren zu lassen, in sexuellen Phantasien zu schwelgen und Pläne für’s Wochenende zu schmieden… Und zwischendrin bleibt sogar noch genug Raum, um mich darüber zu ärgern, dass ich so viel denke und so schlecht meditiere…

Gedanken sind Teil unseres Menschseins. Und damit auch unseres grundsätzlichen Gutseins. Gedanken sind ein aktueller Ausdruck dessen was wir geworden sind. Unsere Gedanken über uns und die Welt spiegeln was wir getan und erlebt haben, was gerade ist und was wir uns alles vorstellen können.

Unser Denken greift auf unsere frühesten Prägungen (s. auch saṃskāra) genauso zurück wie auf die Erlebnisse des Tages.

So haben wir bereits als Kinder in den Beziehungen mit unseren Eltern und anderen wichtigen Menschen etwas darüber gelernt, wie wir sein sollten. Wir denken zum Beispiel, dass wir perfekter sein müssten, wir anderen gefällig sein sollten, wir stärker werden müssten, uns mehr beeilen sollten, um etwas zu erreichen usw. Diesen Glaubenssätzen begegnen wir auch in unserer Meditationspraxis wieder: Mache ich es gut genug? Sollte ich nicht öfters oder länger meditieren? Können alle anderen das viel besser? Und schon schlagen wir uns überfordert mit den Erwartungen herum, die wir an uns stellen.

Wenn wir uns gestritten oder geärgert haben, eine unruhige Nacht hinter uns oder ein vollgepackter Arbeitstag vor uns liegt, werden unsere Gedanken möglicherweise rastlos sein und schneller wechseln, als wenn wir gerade im Urlaub zwei Stunden schweigend durch den Wald gelaufen sind.

Wenn wir körperlich angespannt sind, Schmerzen haben, frieren oder erschöpft sind, werden unsere Gedanken das reflektieren. Aber auch etwas so Profanes wie unser letztes Abendessen, der Kaffee zuvor oder unser aktuelles Hungergefühl wirkt sich auf unser Denken aus (Stichwort „blood-brain barrier“).

Und nicht zuletzt gibt es all das was vor uns liegt. Die Ungewissheit was geschehen mag – und unsere Unsicherheit wie wir damit umgehen werden.

Unsere in jeder Hinsicht fantastischen Gedankenprozesse haben also viel zu tun. Sie versuchen unaufhörlich all diese enorm komplexen und oft paradoxen Erlebnisse und Eindrücke so zu integrieren, dass am Ende eine beherrschbare Welt einem stabilen und konsistenten Selbst gegenübersteht. Sie „machen“ eifrig ein Ego („ahaṃkāra“), das sich wieder auf die Leinwand der Welt projiziert und dabei glaubt was es sieht und denkt.

All das geschieht auch, wenn wir uns unserer Meditationspraxis widmen. Und so begegnen wir dort erst einmal unseren Glaubenssätzen, den letzten Geschehnissen, unserem Körper, unserer Unruhe mit ihren Ängsten und Wünschen. Ein Teil davon mögen unsere Vorstellungen von „guter Meditation“ sein: Zum Beispiel unser Anspruch, dass unser Geist in der Meditation doch gefälligst Stille erfahren sollte. Oder unsere Gedanken, dass Gedanken etwas Schlechtes seien und wir es in der Meditationspraxis unterlassen sollten zu denken. Und kaum sitzen wir auf dem Meditationskissen bemühen wir uns alle Gedanken systematisch zu unterdrücken, beispielsweise indem wir zwanghaft unserer Atemzüge zählen.

Doch ignorieren wir dabei womöglich nicht all das was geschehen ist, bevor wir auf dem Kissen gelandet sind, all das, was unsere Gedanken nun zu integrieren versuchen? Und vergessen wir in unserem Kontrollwahn nicht auch, dass derjenige, der das Denken diszipliniert, selbst nur ein Produkt des Denkens ist? Entspringt unsere Idee von der „guten Meditation“ womöglich einer Unfreiheit und erzeugt die damit verbundene Kontrolle neue Unfreiheit?

Vielleicht sind unsere Gedanken weder gut noch schlecht, sondern einfach was sie sind – und nichts was wir bekämpfen oder kontrollieren müssten.

Dürfen unsere Gedanken in der Meditationspraxis ein- und nicht ausgeschlossen sein?

Dürfen wir das Vergleichen, Kontrollieren und Unterdrücken etwas loslassen und stattdessen unsere Aufmerksamkeit gleichmütig dem widmen, was sich zeigt (vairāgya)?

Können wir uns die Freiheit und den Raum erlauben, uns nicht alles zu glauben, uns nicht so eng mit all unseren Gedanken zu identifizieren?

Was bedeutet es mit allen Sinnen, dem ganzen Körper, unserem ganzen Wesen aufmerksam zu sein, ohne eigentliches Zentrum?

Können wir in der Art und Weise wie wir neben unserer Meditationspraxis unsere Zeit verbringen etwas dazu beitragen, dass unser Denken etwas weniger „zu tun hat“ und wir leichter in die Stille finden? *

Wenn ich mir diese Freiheiten erlaube, so kann ich vertrauter mit mir werden bzw. mit dem was sich zeigt (was dem Sinn von „gom“ entspricht, dem tibetischen Begriff für Meditation). Es bleibt nur noch diese Aufmerksamkeit. Und auch meine Gedanken über Meditation sind dann nur noch etwas das sich eben auch zeigt in dieser umfassenden Aufmerksamkeit. Ich brauche sie nicht zu ändern, sondern kann sie sogar als Erinnerung nutzen, um mir diese Aufmerksamkeit zu erlauben. Aber da ist nichts mehr was ich „machen“ müsste.

Und so kann der Zustand von Mediation, dhyana, einfach geschehen…

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* Der rājayoga Patañjalis beinhaltet verschiedene Aspekte, die dabei helfen können den Zustand von Stille und Meditation vorzubereiten wie z.B.  yama, niyama, āsana, prāṇāyāma und pratyāhāra. Auch Atmen und Zählen können übrigens helfen, wenn wir dabei unsere Kontrollversuche loslassen…