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saṃskāra #1 – Beziehungsmuster

„Du liebst mich nicht!“ – „Du engst mich ein!“ – „Du lässt mich alleine!“ – „Du akzeptierst mich nicht so wie ich bin!“ – „Wegen Dir kann ich mich nicht verwirklichen!“ – „Du hörst mir nicht zu!“ – „Du verstehst mich nicht!“ – „Du vertraust mir nicht!“ – „Du begehrst mich nicht!“…

Wenn wir uns unzufrieden, unglücklich, bedroht, irritiert, unwohl, überfordert, gestresst, verängstigt, begrenzt, enttäuscht, verärgert, ungeliebt, frustriert, unsicher, angespannt oder gehetzt fühlen, dann neigen wir dazu die Verantwortung für unser Unglück zu delegieren. Um uns zu entlasten, projizieren wir unseren inneren Kampf auf andere: Unsere egozentrischen Partner, unsere schlechten Eltern, unsere unsensiblen Freunde, unsere rücksichtslosen Chefs, all die unfreundlichen Menschen um uns herum, unsere undankbaren Kinder, die kranke Gesellschaft, die unfähigen Politiker, das schlechte Wetter…

Und wir fühlen uns dabei im Recht, denn unser Leid scheint eindeutig: Wir sind das Opfer! Die anderen tragen die Schuld.

Der Psychotherapeut in mir sieht darin die Sichtweise einer bedürftigen Kinderseele: Viele von uns haben früh einen Mangel erlebt – an bedingungsloser Liebe, Zuwendung, Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Sicherheit, Freiheit… Wir haben als Kinder Verletzungen, Beschränkungen, Schuld und Kränkungen erfahren. Wir haben vielleicht gelernt, dass Zuwendung an Erwartungen geknüpft wird oder sogar überhaupt nicht erwartbar ist.

Der Yogi in mir würde das mit dem Begriff saṃskāra beschreiben, der wörtlich „angesammeltes Handeln“ bedeutet. Damit sind ganz allgemein die Eindrücke und Prägungen gemeint, die in unserem Bewusstsein zurückbleiben. All unsere Wahrnehmungen und Reaktionen werden (u.a. neurologisch) in unserem Körper gespeichert. Starke oder sich wiederholende Eindrücke formen regelrechte Wahrnehmungsbahnen, in die wir unsere neuen Erlebnisse einordnen. So entstehen und verstärken sich Muster und Auslöser, die enorm wirkungsvoll sein können und unserem Erleben und Verhalten ursächlich zugrunde liegen. Es gibt Situationen, in denen wir uns regelrecht fremdgesteuert fühlen, und uns selbst verwundert dabei zusehen, wie wir gerade etwas wiederholen, das uns auch schon in der Vergangenheit nicht gut getan hat.

Auch noch als Erwachsene laufen wir mit diesen Kinderseelen durch die Welt und streben nach einer Auflösung unserer saṃskāras. Und so suchen wir bei Freunden, Partnern, unseren Kindern, Gleichgesinnten, Vorgesetzten, Therapeuten, Gurus oder Haustieren nach bedingungsloser Liebe, Verlässlichkeit, Verständnis und Bestätigung. So wie das übrigens auch schon unsere Eltern mit ihren bedürftigen Kinderseelen getan haben…

Manchmal bekommen wir sogar etwas von dem, was wir noch immer so dringend brauchen und einfordern. Und das kann sich für eine Weile gut und ermutigend anfühlen. Sich verstanden fühlen, frisch verliebt sein, begehrt werden, eine Beförderung… Doch eigenartigerweise werden wir nie richtig satt, egal wie viel uns gegeben wird. Und früher oder später überfordern wir mit unserer Bedürftigkeit unsere Mitmenschen – die ja ebenfalls bedürftig sind. Enttäuschungen, Vorwürfe und Streit kommen auf, und so entsteht auf der Grundlage unserer alten Muster wieder neues Leid. Die frühen Erfahrungen scheinen sich zu wiederholen, ebenso wie bestimmte Situationen und Beziehungsmuster in unserem Leben. Man könnte sagen das karmische Erbe unserer saṃskāras zeigt seine Wirkung…

Frustriert suchen wir dann gerne nach Menschen, die uns in unserer Sichtweise bestätigen, die mit uns klagen und Opferkoalitionen mit uns eingehen: Freunde, die mit uns über unsere Partner schimpfen, Therapeuten, die uns versichern wie unfähig unsere Eltern waren oder andere soziale Blasen, in denen wir unsere Sichtweise bestätigt bekommen.

Wir warten darauf, dass die Menschen, die wir für unser Leid verantwortlich machen, endlich ihre Fehler einsehen und eingestehen. Mehr noch. Sie sollen sich so verhalten wie wir das für richtig halten. Sie sollen sich verändern, und zwar so wie wir sie haben wollen: „Du solltest dies und jenes tun, bzw. nicht tun, um mich glücklich zu machen!“ Oder noch raffinierter: „Du solltest dies und jenes tun, um glücklicher zu werden!“

Und wenn das nicht geschieht, beginnen wir sie zu bekämpfen – ob offen aggressiv oder mit der passiven Aggression von stillen Vorwürfen, einer Depression oder indem wir sie wegstoßen. Der Krieg mit uns selbst führt zum Krieg mit dem anderen und bleibt doch unser Krieg mit uns selbst…

Wir sperren uns in unseren Projektionen, enttäuschten Erwartungen und Vorwürfen ein, und sorgen so für eine Trennung zwischen der Welt und uns. Wir bleiben in unseren ausgetretenen Spuren und drehen uns immer wieder im Kreis – um uns selbst.

Ein Ausweg aus diesen einerseits zwar vertraut-komfortablen, aber andererseits auch immer wieder leidvollen Erfahrungen liegt in einem radikalen Perspektivwechsel:

Ganz egal was uns jemand scheinbar „antut“ – für unsere inneren Zustände und Befindlichkeiten sind immer nur wir selbst verantwortlich!

Und nicht nur manchmal, sondern ausnahmslos immer: Denn niemand kann einfach in unseren Kopf oder unser Herz greifen und dort etwas mit uns machen. Das können immer nur wir selbst: Alles was ich fühle, das fühle ich. Alles was ich denke, das denke ich. Nur ich bin mit mir gegenwärtig.

Das bedeutet weder, dass die Handlungen von anderen keinen Einfluss auf uns oder keine Konsequenzen hätten, noch dass wir alles dulden oder mit allem einverstanden sein müssten, was andere tun. Aber an uns liegt es, was wir innerlich daraus machen und wie wir darauf reagieren.

Und wenn wir spüren, dass wir uns aufregen, frustriert oder ängstlich werden, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass dahinter ein Kampf steht, den wir in Wahrheit mit uns selbst führen. Wenn wir leiden, können in erster Linie wir selbst etwas tun. Nicht unser beschuldigtes Gegenüber hat etwas zu verändern, sondern wir haben eine „Hausaufgabe“. Nur so können wir die Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind, ohne inneren und äußeren Kampf, ohne Wut, Hass, Abwertung und Gewalt behandeln.

Unsere Muster können sich oft wie ein undurchdringliches Gefängnis anfühlen. Zum Glück gibt es verschiedenste Ansätze wie wir unsere leidbringenden saṃskāras schwächen und auflösen – und uns dadurch freier und verbundener fühlen können. Und da ist er wieder: Der Zustand des Yoga.

 

Mehr dazu im Teil: saṃskāra #2