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Prāṇāyāma Basics #1 – prāṇā: geheimnisvolle Lebenskraft

Häufig wird das vierte Glied Patañjalis rājayoga, der prāṇāyāma (m), mit „Atemkontrolle“ übersetzt, was jedoch in fast jeder Hinsicht in die Irre führt. Das Sanskrit-Substantiv ist aus den beiden Wörtern prāṇā und āyāma zusammengesetzt.

Doch was bedeutet prāṇā eigentlich und für was steht somit prāṇāyāma ?

prāṇā (m) ist einerseits gebildet aus dem Prefix prā, das verschiedene Bedeutungen hat (ähnlich unserem pro- und pre-). In diesem Zusammenhang meint es wohl am ehesten etwas wie ‚zugrunde liegend‘, ’schon existierend‘ oder auch ‚tiefgreifend‘. Und andererseits enthält es die Silbe „ṇā„, die von der Wortwurzel „ān“ abstammt (vgl. auch animieren), im Sinne von ‚beleben‘, ‚etwas Leben einhauchen‘ – oder auch wie in „anu“ im Sinne von ‚fein‘ bzw. auf eine kleinste Einheit bezogen.

Man könnte prāṇā also zum Beispiel übersetzen mit ‚das, worauf das Leben gründet‘ oder ‚das, was schon da war‘ oder auch ‚das Feine, welches in allem Leben enthalten ist’…

 

Das yogische Konzept von prāṇā hat verschiedene Bedeutungsebenen:

  1. Konkreter und etwas ungenau wird damit häufig unser Atem gemeint, bzw. der Atemfluss, der in Zyklen abläuft und der für unsere Lebensaktivität steht. Bildlich gesprochen bewegt unser Atem als Lebensodem die Lebenskraft (prāṇā śakti), die in der yogischen Vorstellung allem Leben zugrunde liegt.
  2. prāṇā ist aber nicht einfach eine materielle Sache, die wir von außen aufnehmen, in dem wir sie inhalieren. prāṇā ist auch nicht die Atemluft. Vielmehr beschreibt prāṇā eher so etwas wie eine Energie, die wir in einem dynamischen, wechselseitigen und achtsamen Austauschprozesses mit der Welt erfahren. prāṇā steht damit auch für die Umwelt-Abhängigkeit unseres Lebens. So ist beispielsweise unser Gehirn auf physiologische Austauschprozesse mit der Umwelt angewiesen. Unsere geistigen Zustände werden unter anderem von unserem Atemprozess beeinflusst – und andersherum. Es gibt auf dieser Ebene einen engen Zusammenhang von Körper und Geist. (Wir kennen das Phänomen uns mit einer langsamen tiefen Atmung beruhigen zu können, bzw. dass unsere Atmung schnell und flach wird, wenn wir zum Beispiel Angst haben.) Und über unser eigenes begrenztes Leben hinausgehend, basiert die Entwicklung und Evolution alles Lebens auf Austausch und Kooperation. prāṇā im Sinne der Weitergabe des Lebens, von Fortpflanzung, ist nichts was wir alleine bewerkstelligen könnten. Wir befinden uns in einem kontinuierlichen Fluss des Lebens, der weit über uns selbst hinausgeht und von dem wir nur ein kleiner Teil sind.
  3. Auch bezogen auf unseren inneren Umgang mit prāṇā gibt es verschiedene Konzepte, die beschreiben wie wir diese feinstoffliche Energie bewegen, assimilieren  und „verdauen“ (vgl. die Konzepte von vāyu und samāna).

 

Das Wort āyāma hat ebenfalls verschiedene Bedeutungen:

  1. Im engeren Sinne beinhaltet āyāma einen Aspekt von Macht: Kontrollieren, beherrschen, beschränken, zähmen, zurückhalten, in der Gewalt haben usw.
  2. Eine weiter gefasste Bedeutungsebene beschreibt eher den Aspekt von Kooperation und Beziehung: Regulieren, lenken, gegenseitig beeinflussen.
  3. Und schließlich bedeutet āyāma auch noch „das Feld zu kennen“ (hier: von prāṇā), bzw. „etwas kenntnisreich zu meistern“.

 

prāṇāyāma meint also nicht ‚Atemkontrolle‘. In der Praxis von prāṇā-āyāma kann uns dieses Missverständnis nicht nur ein tieferes Verständnis und Zustände der Stille vorenthalten, es kann uns sogar bei regelmäßiger Praxis regelrecht physiologisch gefährlich werden.

Statt Kontrolle meint prāṇāyāma die freundschaftliche Zusammenarbeit von Körper und Geist mittels achtsamer Atemübungen, die uns in einen energetischen Austausch mit dem Leben treten lassen.

Übrigens: Auch wenn heutzutage āsana das wohl populärste Merkmal des Yoga ist, war im vormodernen Indien die bestimmende Praxis prāṇāyāma. Sie galt als so essenziell, dass in manchen Texten die fortgeschrittenen Bewusstseinszustände von dhāraṇā (einsgerichtete Aufmerksamkeit), dhyāna (meditative Versenkung) und samādhi (Überbewusstsein) als das Ergebnis von prāṇāyāma galten…

 

Mehr dazu im Teil: Prāṇāyāma Basics #2