Blog Praxis Yoga-Psychologie

saṃskāra #2 – Bye bye Murmeltier!

Unsere psychischen Prägungen und Muster (saṃskāras) können wirkungsvoll dafür sorgen, dass wir Situationen immer wieder ähnlich durchleben bzw. uns darin immer wieder ähnlich verhalten. Ein bisschen wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Nur dass es in Wahrheit nicht die Welt ist, die sich wiederholt, sondern wir selbst…

Ein weiterer Effekt unserer saṃskāras: Nicht nur unser aktuelles Erleben und Handeln werden von ihnen bestimmt, sie bilden auch die Grundlage dafür wie wir uns unsere Zukunft ausmalen. Auf ihnen gedeihen unsere Projektionen, die uns glauben machen, dass wir auch zukünftig wieder erleben, was sich uns in der Vergangenheit eingeprägt hat.

„Mich wird nie jemand wirklich lieben!“ – „Am Ende werde ich wieder alleine dastehen!“ – „Niemand wird mich je wirklich verstehen!“ – „Man kann niemandem vertrauen!“…

Doch wie kann unsere Yogapraxis dazu beitragen aus diesen leidvollen gedanklichen Bahnen herauszutreten?

In Patañjalis Yogasutra I.50 heißt es: „taj-jah saṃskāro ’nya-saṃskāra-pratibandhī.“

T.K.V. Desikachar übersetzt das so: „Durch Yoga entsteht eine geistige Tendenz, die den Einfluss all jener anderen Tendenzen zurückdrängt, die auf falschem Verstehen beruhen.“ (Als „falsches Verstehen“ gelten gewissermaßen alle geistigen Tendenzen, die uns an dem was geschieht leiden lassen.) G. Feuerstein übersetzt: „Die durch diese Wahrheitsschau entstehende Wirkkraft lähmt die anderen halb- und unbewussten Antriebskräfte.“

Unsere starken Prägungen verschwinden nicht einfach. Doch wenn wir regelmäßig praktizieren, werden unsere alten Muster mehr in den Hintergrund treten. Sie verlieren an Wirksamkeit, da wir alternative Erfahrungswege verstärken.

Zum Beispiel hatte ich immer einen regelrechten Heißhunger auf Fleisch, auch wenn ich mich aus verschiedenen (ökologischen, ethischen und gesundheitlichen) Gründen dafür verurteilte. Als ich damit begann täglich zu meditieren, verschwand dieser Heißhunger plötzlich. Ich fand zwar nach wie vor, dass gegrilltes Hühnchen lecker roch, aber es war plötzlich nicht mehr schwer darauf zu verzichten. Also tat ich das und so lernte ich immer neue fantastische vegetarische Gerichte kennen. Und noch wichtiger: Ich verurteilte mich insgesamt seltener…

Andersherum beobachte ich zum Beispiel immer wieder, dass meine Ausgeglichenheit nachlässt, wenn ich meine Yogapraxis vernachlässige. Ich werde ungnädiger mit mir selbst und anderen, menschenscheuer, fahrig, bin weniger aufmerksam und das Gefühl von Freude und Schönheit, das ich z.B. beim Anblick des Morgenlichts empfinde, scheint irgendwie nicht mit dem neuen Tag aufgegangen zu sein…

 

Achtsamkeitspraxis

In unserer Praxis werden wir vertrauter mit uns und dabei können uns unsere saṃskāras bewusster werden. Wir spüren zum Beispiel in āsanas wieviel Anspannung in uns ist oder wie wir innerlich auf Anstrengung reagieren. Oder wir bemerken in der Sitzmeditation unsere wiederkehrenden Themen, zum Beispiel unsere strengen Gedanken mit uns selbst. Auch Psychotherapie und andere Wege können zur Selbsterkenntnis beitragen – es müssen nicht immer klassische Yoga-Disziplinen sein…

Wir können ganz einfach damit beginnen uns zu fragen, wie es uns gerade geht. Was sehen wir, wenn wir uns mehr Aufmerksamkeit widmen? Ist in unserem Körper Schmerz? Wo halten wir gerade etwas körperlich fest, wo ist Anspannung? Sind wir in diesem Augenblick gestresst, traurig, unsicher, wütend oder fühlen wir uns leicht, verspielt, fröhlich…? Auf der Matte oder dem Kissen, aber auch unter der Dusche oder auf dem Weg zur Arbeit können wir kurz innehalten und mal eben einen Blick auf uns werfen. Und egal was wir sehen – wir müssen das nicht unbedingt gleich verändern. Es genügt freundlich zu bemerken was gerade los ist ohne gleich davor wegzulaufen. (Darauf baut eine bekannte buddhistische Praxis auf, die „Shamatha“, das ‚ruhige Verweilen‘ genannt wird.)

 

The Work

Wenn wir bemerken, dass wir uns immer wieder bestimmte Geschichten zu unseren leidvollen Gefühlen erzählen, dann können wir uns diese Gedanken, Glaubenssätze und Projektionen genauer ansehen.

Eine recht einfache und wirkungsvolle Möglichkeit dazu bietet zum Beispiel Byron Katies The Work.

Ein Beispiel: Vielleicht sind wir traurig, wütend oder enttäuscht, weil wir uns über unsere Partnerin einreden: „Sie sieht meine Bedürfnisse gar nicht!

Inspiriert von „The Work“ lassen sich unsere Gedanken anhand von sogenannten „Umkehrungen“ überprüfen:

1) Die Umkehrung ins Gegenteil: „Sie kennt meine Bedürfnisse genau.

2) Die Umkehrung zum anderen: „Ich sehe die Bedürfnisse meiner Partnerin nicht!

3) Die Umkehrung zu sich selbst: „Ich achte nicht auf mich und meine Bedürfnisse!

Das ist anfangs sehr ungewohnt, denn wir sind ja fest davon überzeugt, dass wir genau wissen was los ist und wer etwas zu tun hat (nämlich unsere Partnerin). Wir bewegen uns noch in unserer ausgetretenen Bahn, in unserem saṃskāra. Aber was geschieht, wenn wir das Experiment wagen und für jede dieser Umkehrung aufrichtig nach verschiedenen Beispielen suchen, um zu prüfen inwiefern auch diese Sätze wahr sein könnten? Wir werden möglicherweise erstaunt feststellen: Sie sind alle ebenfalls wahr!

Wie oft sind wir der Meinung, dass andere an unserem Leiden schuld sind oder sich verändern sollten? Diese stressigen Gedanken sind ein wahrer Schatz der Selbsterkenntnis! Nirgendwo können wir wirkungsvoller unsere  saṃskāras und daraus entstehenden Projektionen entdecken als in Angelegenheiten, die uns besonders stark aufwühlen.

 

Maitri-Meditation

Eine andere wunderbare Praxis ist die buddhistische Maitri- bzw. Metta-Meditation. Dabei bringen wir unsere Aufmerksamkeit auf eine Reihe von guten Wünschen: Sicherheit, Glück, Gesundheit und Freiheit.

Zuerst wünschen wir uns das für uns selbst, dann einem Wesen das wir innig lieben, anschließend einer neutralen Figur und schließlich einer Person, die uns irritiert oder verärgert – und letztendlich dehnen wir diese Wünsche auf alle Wesen aus: Mögest Du Dich behütet und sicher fühlen. Mögest Du froh und zufrieden sein. Möge Dein Körper Dir Kraft geben. Möge sich Dein Leben leicht und glatt entfalten.

Das ist keine Heile-Welt-Zuckerguß-Nummer. Es ist eine Übung, um unter anderem zu verstehen, dass wir für unsere Verärgerung (und allgemein unsere Beziehungen zur Welt) selbst die Verantwortung tragen und Veränderung mit uns selbst beginnt.

 

Meditation über Gefühle

Eine weitere Meditationspraxis besteht darin unsere Gefühle zu nutzen. Der Shambhala-Lehrer Chögyam Trungpa bezeichnete Gefühle einmal als mit Gedanken vermischte Energie. Häufig verlieren wir uns so sehr in unseren emotionalen Zuständen, weil wir sie mit Geschichten verknüpfen, die wir uns (immer und immer wieder) erzählen.

Und es kann sehr interessant sein, herauszufinden was geschieht, wenn wir unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die sinnliche Qualität dieser Gefühlsenergien lenken, die Gedankengeschichten aber einmal loslassen. Wie fühlt sich meine Wut an? Ist sie dumpf oder stechend? Hell oder dunkel? Wie schmeckt sie? Wo fühle ich sie genau? Und währenddessen stellen wir vielleicht fest, dass sich diese Wut, die sich zuvor so fest und eng angefühlt hat, plötzlich zu verändern beginnt. Vielleicht wird sie zu Traurigkeit. Oder vielleicht zu etwas ganz anderem, das wir gar nicht mehr bezeichnen können. Und auch diese Gefühlsqualität verändert sich und der Raum kann wieder weiter werden…

 

 

  • Wer mit „The Work“ seine Beziehungsfragen betrachten möchte, dem empfehle ich (neben den Büchern Byron Katies) z.B. „Beziehungsprobleme gibt es nicht“ von Ralf Giesen (2015). Die Umkehrungen werden auf S. 81 ff genauer beschrieben. Wer sich häufig über andere ärgert, für den könnte zum Beispiel das The-Work-Arbeitsblatt „Urteile über deinen Nächsten“ interessant werden…
  • Eine hilfreiche Beschreibung der Maitri-Technik, zusammen mit einer sehr anschaulichen und berührenden Erfahrungsgeschichte findet sich in „Die Weisheit des Yoga“ von Stephen Cope (2007), S. 272 ff.
  • Wer seine Meditationspraxis einmal stärker seinen Gefühlen widmen möchte, dem empfehle ich z.B. zum Einstieg „Meditieren – Freundschaft schließen mit sich selbst“ von Pema Chödrön (2013), genauer auf S. 87 ff: „Mit den Gefühlen arbeiten“.