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Die Psychologie des Yoga #2 – guṇas

Unser Geist gilt in der dualen Yoga-Lehre Patañjalis als Teil der sich wandelnden Natur (prakṛti) und nicht unseres wahren Selbst (puruṣa). In allen Erscheinungsformen prakṛtis, d.h. auch unseren psychischen Zuständen, würden immer drei grundsätzliche guṇas (= Schnur, Faden, Strähne) zusammenspielen:

  • sattva (Klarheit, Harmonie)
  • rajas (Aktivierung, Energie) und
  • tamas (Trägheit, Beschränkung)

Die guṇas werden als drei charakteristische Qualitäten gedacht, aus denen alles was sich in irgendeiner Form manifestiert, gewebt ist. Sie lassen sich mit den drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau vergleichen, aus denen je nach proportionaler Zusammensetzung unendlich viele Farbtöne gemischt werden können. Ebenso verhält es sich mit den drei unterschiedlichen guṇas, allerdings mit dem Unterschied, dass diese immer zu dritt vorkommen. Sie sind dynamische Manifestationskräfte, die sich, gleichwohl voneinander abhängig, in einem kontinuierlichen Ringen miteinander befinden. Je nachdem, in welchem Verhältnis die Eigenschaften gerade zueinander stehen, zeigt sich eine andere Variation von prakṛti.

 

Guṇas & Geist

Das gilt auch für unseren Geist (citta). Die guṇas sind Bestandteil des sāmkhyā-Modells von antaḥkaraṇaunserem „inneren Instrument“, auf das sich Patañjali bezieht. Im Yoga sind ohnehin vor allem die geistigen Aspekte der guṇas von Interesse, da sie eine Beschreibung unserer psychischen Dispositionen erlauben und die Yogapraxis danach strebt die Präsenz von sattva im Geist zu erhöhen und die einander entgegengesetzten Qualitäten von rajas und tamas zu minimieren:

sattva gilt als das reinste der guṇas. Manifestiert es sich deutlich in citta, so werden die geistigen bzw. emotionalen Zustände typischerweise als klar, ruhig, gelassen, gleichmütig, heiter, zufrieden, erhellend, harmonisch, friedlich, weise, differenzierend usw. beschrieben.

rajas charakterisiert Zustände, die sehr aktiv, bewegt, stimulierend, umtriebig, erregt, kraftvoll, visionär, kreativ-aktiv, aber auch unruhig, bemüht, sehnsuchtsvoll usw. sind.

tamas schließlich zeigt sich besonders deutlich in psychischen Zuständen, die passiv, beharrlich, träge, lethargisch, untätig, schläfrig, schwermütig, gleichgültig, desinteressiert, ignorant, verbergend, finster usw. sind.

 

Gleichwohl rajas und tamas tendenziell als Hindernisse auf dem Yogaweg gelten, sind sie doch unverzichtbarer Bestandteil unserer physischen Existenz, unseres Überlebens und unserer Gesundheit. Ohne tamas gäbe es zum Beispiel keine Ruhephasen oder Erholung und ohne rajas könnten wir unseren Körper nicht einmal bewegen. Es sind aber auch rajas und tamas, die dafür sorgen, dass sich unser Geist gedanklich oder emotional auf die Sinnesobjekte bezieht und so laufend beschäftigt ist. Das yogische Bestreben ist es also sattva zu steigern, um die beiden anderen guṇas auf ein gesundes und förderliches Maß und in ein ebensolches Verhältnis zu bringen. So empfiehlt Patañjali unter anderem dhāraṇa, also die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein Objekt, als ein Mittel, um die ablenkenden Einflüsse von rajas und tamas zu reduzieren.

Das Modell der guṇas impliziert meiner Meinung nach verschiedene interessante Ideen für die Arbeit mit unserem Geist: Zum einen sagt es aus, dass unsere geistigen Zustände, wie alles was aus prakṛti hervorgeht, vergänglich und in einem ständigen Wandel begriffen sind. Sie verändern ihre Qualität laufend. Und ebensowenig sind unsere Beziehungen, die ja auf diesen inneren Zuständen beruhen, letztlich etwas Beständiges, sie sind im Fluß. Auch wenn sich bestimmte Gedanken oder Gefühle für uns als überwältigend, unveränderlich oder eng anfühlen mögen, sie sind es von ihrer Natur her nicht. Das entspricht meinen Erfahrungen, die ich in meiner Meditationspraxis über Gefühle mache. Zum anderen bringt die Kombination der guṇas eine unendlich große Zahl an psychischen Zuständen und Symptomen hervor. Starre Zuschreibungen von Eigenschaften oder gar pathologisierende Diagnosen, egal ob uns selbst oder andere betreffend, erscheinen aus dieser Perspektive recht fragwürdig. Und nicht zuletzt beinhalten alle Zustände, zumindest bezogen auf rajas und tamas, gewissermaßen immer auch ihren Gegenpart, von dem sie abhängig sind. Oder um es pointierter zu sagen: Das Gegenteil unserer Gedanken und Gefühle ist ebenso wahr. Eine Erkenntnis, die sich z.B. auf beeindruckende Weise mit den Umkehrungen von „The Work“ machen lässt und unsere fixen Vorstellungen schnell verflüssigt.

Mehr zu den genannten Praxisansätzen lesen…

 

Mit sattvischer Unterscheidungsfähigkeit auf dem Weg zur Befreiung

Wenn der Geist (speziell auf der Ebene von buddhi) ein sehr hohes Maß an sattva erlangt, so beginnt er den Unterschied zwischen dem wahren Selbst, also dem puruṣa-Bewusstsein und selbst den subtilsten, aber dennoch unbewussten Zuständen von prakṛti zu erkennen.* Auch wenn die maximale Steigerung der sattvischen Unterscheidungsfähigkeit von buddhi ja letztlich immer noch ein Aspekt von prakṛti bleibt, so kann der Geist nun erst seine eigene Limitierung sehen.

In seiner höchsten sattvischen Potenz wirkt buddhi, bildlich gesprochen, zudem wie ein sauberer Spiegel für puruṣa, dessen wahre Natur nun unverzerrt auf sich selbst zurück reflektiert werden kann, es wird sich seiner selbst gewahr. Dieser Zustand der Versenkung wird samprajñāta-samādhi gennant, was der höchsten Form des unterscheidungsfähigen Geistes entspricht (aber noch nicht dem ultimativen samādhi).

Hält dieser Zustand der Stille an, so offenbart sich citta schließlich, dass es nicht der letzte Aspekt des Seins ist – und es dekonstruiert sich gewissermaßen selbst: Denn erst wenn der Geist sogar seine Fähigkeit zur höchsten Unterscheidung zurückstellt und nur noch in einem inaktiven Zustand verbleibt, in dem alle geistigen Bewegungen lediglich als Potenzial, aber nicht mehr in einer aktiven Form auftreten, ist der Zustand des Yoga erreicht, den Patañjali mit „citta-vṛtti-nirodhaḥ“ beschreibt (I.2). Nun erst verweilt das wahre Bewusstsein puruṣa ganz und gar frei in seiner unverfälschten Natur, ein Zustand, der auch asamprajñāta-samādhi genannt wird.

 

Mehr zur yogischen Vorstellung von unserem Geist lesen…

 

 

* Hier findet sich übrigens ein fundamentaler Unterschied zum Buddhismus, der das Bewusstsein nicht als unabhängige, unveränderliche und ewige Entität puruṣa begreift, sondern als einen von fünf Daseinsfaktoren der menschlichen Persönlichkeit, den sogenannten skandhas. Auch das Bewusstsein gilt hier als vergänglich, da es nicht unabhängig von den Objekten gedacht wird, sondern nur existiert, weil es sich auf diese bezieht.

 

 

Literaturhinweise:

Bryant, Edwin F. (2009): The Yoga Sūtras of Patañjali. A new Edition, Translation, and Commentary. North Point Press.

Feuerstein, Georg (2013): Die Yoga Tradition. Geschichte, Literatur, Philosophie & Praxis. 4. Aufl., Yoga Verlag GmbH

Rao, K. Ramakrishna/ Paranjpe Anand C. (2016): Psychology in the Indian Tradition. Springer Verlag