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Gewaltlosigkeit als Freundschaft mit sich selbst (ahiṃsā)

ahiṃsā, zumeist mit „Gewaltlosigkeit“ übersetzt, ist ein ganz grundlegendes Lebensprinzip des Yoga. Es ist sogar das Erste der yamas, fünf bedeutsame Tugenden, die wiederum das erste Glied des klassischen rājayoga bilden.

Das Sanskritwort setzte sich aus a = nicht und hiṃsā = Verletzung, Gewalt, Töten zusammen. Doch gewaltlos zu leben reicht deutlich weiter als darauf zu verzichten andere Wesen zu töten oder körperlich zu verletzen. Es beginnt damit uns selbst gegenüber nicht gewalttätig zu sein. Was selbstverständlich klingen mag, dürfte sich bei näherem Hinsehen für viele von uns als recht anspruchsvoll herausstellen.

Als ich mit der Meditationspraxis begann und mich mit meinem gewöhnlichen Geist vertraut machte, war ich anfangs regelrecht geschockt, wie viele meiner Gedanken sich darum drehten, dass ich nicht in Ordnung sein könnte. Es war erschreckend, wie viel Energie ich darauf verwendete, um meine gefühlte Unzulänglichkeit vor anderen zu verstecken oder zu rechtfertigen. Mit großer Härte mir selbst gegenüber verurteilte ich mich beispielsweise dafür unsicher zu sein, schüchtern, feige, schwach, humorbefreit, inkonsequent, faul, alt, unattraktiv, langweilig, verkommen, verkorkst, beziehungsunfähig, selbstsüchtig und unbegabt… Offensichtlich kommentierte ich mich laufend leise – und zwar meist wenig liebevoll. Und obendrein ohne das zu bemerken. Spräche jemand vor mir laut über einen anderen Menschen in dieser Weise, ich würde glauben der unfreundlichsten und verletzendsten Person gegenüber zu stehen!

In meinen therapeutischen wie auch freundschaftlichen Gesprächen mit anderen bekam ich langsam eine Idee davon, dass sehr viele von uns an sich zweifeln, sich abwerten, streng und lieblos mit sich sind, häufig ohne das wahrzunehmen oder infrage zu stellen. Es kann offensichtlich enorm herausfordernd sein, sich selbst so zu akzeptieren oder gar zu lieben wie man ist.

Dabei beginnt alles genau damit. Unsere Gedanken, Worte und Handlungen, die uns davon abhalten zu wachsen und innerlich frei zu sein, kommen Verletzungen gleich.

Zudem projizieren wir das, was wir über uns selbst denken, meist mittelbar auf andere. Wir schaffen so unsere eigene kleine Welt der Gewalt. Wir werten andere ab, lästern über sie, lehnen sie ab, begrenzen sie oder stoßen sie weg. Wir befinden uns in einem Kampf gegen unsere Umwelt, ohne dabei zu bemerken, dass wir in Wahrheit uns selbst bekämpfen. Und mit jeder Verletzung, die wir unserer Umwelt zufügen, verletzen wir uns letztlich selbst.

Würde ich mit mir selbst befreundet sein wollen?

Sich der eigenen „Gewalttätigkeit“ bewusster zu werden, kann anfangs erschütternd sein, es fühlt sich aber bald befreiend an. Es ist ein erster Schritt, um mit sich selbst Freundschaft zu schließen. Ich finde mich immer noch oft seltsam, aber zumindest finde ich das nun öfters komisch. In dem Maße, in dem wir über uns selbst freundlich lachen und uns so wie wir eben gerade sind, sein lassen können, gelingt uns das auch viel einfacher mit anderen.

Wenn wir versuchen in unserem Leben eine Haltung von Gewaltlosigkeit zu kultivieren, so bedeutet das übrigens nicht, dass wir plötzlich keine heftigen Gefühle wie Ärger, Wut, Eifersucht, Bitterkeit oder Hass mehr empfinden. Es ist vielmehr der Versuch sogar diese Aspekte unseres Seins wahrzunehmen und zu akzeptieren – ohne sie gleich zum Schaden anderer und unserer selbst ausagieren zu müssen. Ich bemerke zum Beispiel manchmal den Impuls in mir, aus einer leisen und diffusen Unzufriedenheit heraus jemand im Gespräch ganz subtil auch verletzen zu wollen. (Natürlich würde ich das so geschickt machen, dass ich durch meine Worte nicht direkt zur Rechenschaft gezogen werden, und die Verantwortung für die Eskalation später auf mein Gegenüber schieben könnte…) Wenn mir das auffällt, versuche ich inzwischen einzuhalten, denn ich gehen davon aus, dass ich wohl in Wahrheit gerade mit mir selbst kämpfe. Es hilft mir mich in solchen Momenten zu fragen, ob meine Gedanken, Worte und Taten dazu beitragen können, dass ich und die anderen wachsen können. Auch das ist eine Praxis, die mal gelingt und mal nicht…

Dabei stelle ich oft fest, wie groß unsere Ähnlichkeit bei aller Unterschiedlichkeit doch ist. Wie wir alle das Bedürfnis nach Liebe in uns tragen, ebenso wie die Fähigkeit dazu. Wir können in so einer Art der Praxis bemerken, was für durchlässige Lebewesen wir letztlich sind, und wie sehr wir auf einer darunter liegenden Ebene immer miteinander verbunden bleiben. Und in diesem Prozess beginnen wir uns auch für andere zu wünschen, dass sie wachsen können und frei, sicher und zufrieden sein sollen. Wir beginnen uns als Menschen zu sehen, mit denen wir selbst befreundet sein wollen.

„Extending this compassion to all living creatures is dependent on our recognition of the underlying unity of all sentient beings. When we begin to recognize that the streams and rivers of the earth are no different from the blood coursing through our arteries, it becomes difficult to remain indifferent to the plight of the world.“

Donna Farhi: „Yoga Mind, Body & Spirit. A Return to Wholeness“ (2000)