Blog Philosophie yama & niyama

santoṣa – Zufriedenheit mit dem was ist

Santoṣa bzw. auch saṃtoṣa (m) bezeichnet eine Praxis von Zufriedenheit, Genügsamkeit und Einfachheit. Es ist die Fähigkeit unserer augenblicklichen Lage ins Auge zu sehen, ohne davor wegzulaufen und ohne zutiefst unzufrieden zu werden.

Santoṣa bildet eine von fünf Richtlinien für den Umgang mit uns selbst. Diese sog. niyamas stellen das zweite Glied des rājayoga dar.

Auf einer eher oberflächlichen Ebene geht es hier darum dankbar anzuerkennen, was uns gerade gegeben ist und eine gewisse Zufriedenheit mit den einfachen Dingen zu entwickeln: Ist an unserer aktuellen Situation wirklich alles so schlimm? Vielleicht haben wir genug zum Essen. Vielleicht haben wir heute einen sicheren Platz zum Schlafen und müssen nicht um unser Leben fürchten. Vielleicht sind wir mehr oder weniger gesund und verfügen sogar über einen Körper, der es uns erlaubt Yoga zu machen. Vielleicht haben wir Freunde oder eine Familie, die uns liebt. Vielleicht sind wir in der Lage anderen Gutes zu wünschen und selbst zu lieben. Vielleicht brauchen wir gar nicht so viel, um zufrieden zu sein.

Gestern fuhr ich mit dem Auto zum See und Luisi, das kleine Hundeweibchen einer Freundin, war mit an Bord und musste im Fußraum Platz nehmen. Sie war offensichtlich etwas müde, es gab neben meinen Beinen nur wenig Platz für sie und das Auto ruckelte im Stop & Go-Stadtverkehr merklich. Aber Luisi machte das Beste aus ihrer Lage, indem sie ihren Kopf auf meinen Unterschenkel legte und ziemlich entspannt einschlief…

Während ich das schreibe fällt das warme weiche Licht der Abendsonne durch mein Fenster, die Vögel zwitschern draußen noch aufgeregt und erzählen vom nahenden Sommer, ich trinke eiskalten Ingwertee und mein Körper ist wohlig müde und entspannt von einer Yogaklasse, die ich zuvor besucht habe.

Ich weiß gleichzeitig genau, dass diese Welt alles andere als perfekt ist. Ich bin davon berührt, dass gerade Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, und andere unterdrückt, verfolgt, gefoltert, vergewaltigt und getötet werden.

Santoṣa, diese  Form der wachen Bescheidenheit, sollte nicht damit verwechselt werden die Welt mit Zuckerguss und Ignoranz zu überziehen. Es geht auch nicht darum, immer glücklich zu sein. Es kann sein, dass wir uns in einer Situation befinden, die sehr schwierig und sogar schmerzvoll für uns ist. Bei santoṣa handelt es sich ebensowenig um eine satte Selbstgefälligkeit, mit der wir uns so in unserer Komfortzone einrichten, dass kein Wachstum mehr möglich ist. Santoṣa soll uns eher dazu inspirieren nicht an unerfüllten Erwartungen zu leiden und uns nicht ausschließlich auf das zu konzentrieren, was uns schwer fällt und was nicht ist. Statt uns ganz und gar in unser inneres Drama zu stürzen und dadurch den inneren Konflikt sogar noch zu verstärken, können wir versuchen weiter zu atmen und uns die jeweilige Erfahrung einfach unaufgeregt anzusehen. Eine Praxis, die übrigens auch die grundlegende buddhistische Shamatha-Meditation des ‚ruhigen Verweilens‘ verfolgt. Wir können uns gewahr werden, was wir empfinden. Wir können beobachten, wie beziehungsweise ob wir diese Gefühle ausagieren wollen. Wir können uns zuhören welche Geschichten wir uns zu dieser Situation erzählen und wahrnehmen wie wir dabei mit uns selbst umgehen. Und vielleicht können wir für den Moment ruhig und sogar friedvoll bei dem bleiben, was da gerade ist, ohne damit zu kämpfen. Können wir akzeptieren, dass wir uns in diesem Wachstumsstadium befinden und dass wir gerade unter diesen Bedingungen leben? Und können wir dadurch diese Situation nicht nur betrachten, sondern auch nutzen? Sie hält garantiert etwas für uns bereit, das bereits gut ist, und auch etwas, an dem wir wachsen können – selbst wenn sich diese Möglichkeit in Form einer Krise zeigt. Santoṣa kann bedeuten, dass wir uns in Geduld üben und versuchen so gut es uns eben gerade möglich ist, mit genau dieser verfügbaren Situation möglichst entspannt umzugehen – bis wir in der Lage sind unsere Bedingungen oder uns selbst zu verändern.

Ich habe viele Jahre meines Lebens das Gefühl gehabt in einer Art Wartehalle zu sitzen und immer darauf gehofft, dass endlich der richtige Zug kommen möge, der mich an einen Ort bringt, an dem ich das „richtige Leben“ finden würde, den passenden Job, die perfekte Frau und so weiter. In diesem Zustand war mir nicht nur langweilig, sondern ich habe auch darunter gelitten, mich abgelenkt, betäubt, ersatzbefriedigt und in einer Art Winterschlaf tot gestellt. Und ich habe mich gewissermaßen selbst nicht ernst genommen, denn ich habe meine intuitive Intelligenz ignoriert, mit der ich mir schon immer die passenden Situationen gesucht habe, die ich gerade brauchte. Erst als ich mit der Idee zu spielen begonnen habe, dass meine momentane Situation das „richtige Leben“ bereits enthalten könnte und dadurch genauer hinsah, erkannte ich, dass bereits alles da war, was ich gerade brauchte.

Wenn wir lernen zu akzeptieren was gerade ist – und dass, was ist, gut so ist, wie es ist, kurz gesagt in unseren Lebenssituationen Gleichmut praktizieren, so nährt das gleichzeitig unsere Fähigkeit darauf zu vertrauen, dass wir noch erfüllter leben werden. Nicht in dem Sinne ungeduldig und unzufrieden darauf zu hoffen, dass endlich ein besseres Leben über uns kommen solle, sondern als Erkenntnis, dass unserem Geist selbst unter schwierigen Bedingungen Großzügigkeit, Weite und innere Balance zur Verfügung stehen wird.