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aparigraha – Vertrauen in die Fülle des Lebens

Als die fünfte der fünf Tugenden, die das erste Glied des rājayoga ausmachen (sog. yamas), fragt uns aparigraha vordergründig danach, was wir wirklich benötigen. aparigraha bildet jedoch einen nuancenreichen yama, was sich schon in den unterschiedlichsten Übersetzungen dieses Lebensprinzips zeigt: Zusammengesetzt ist der Sanskritbegriff aus a = nicht und parigraha = horten bzw. sammeln. aparigraha wird daher häufig in diesem Sinne interpretiert: Als Erinnerung daran nichts anzusammeln, nichts besitzen zu wollen, beziehungsweise sich in Anspruchs- und Begierdelosigkeit sowie in Unbestechlichkeit zu üben. So verstanden, empfiehlt es uns bescheiden zu bleiben und nicht mehr als das zu wollen beziehungsweise zu behalten was notwendig ist – und alles andere loszulassen.

Doch weshalb halten wir uns so gerne an etwas fest?

Möglicherweise versucht unser gewöhnlicher Geist (citta) so mit der Unermesslichkeit des Daseins umzugehen. Wir neigen dazu diese vielschichtige und sich immerzu verändernde Welt, die durch ein unendliches Universum rast, erfassen, verstehen und am liebsten kontrollieren zu wollen. Wir suchen nach einer handfesten Realität, damit wir sicheren Halt und Orientierung im Leben finden können. Wir glauben, dass wir uns dazu an etwas festhalten sollten oder könnten – ob das nun materielle Dinge, Gedanken oder Beziehungen sind.

Unserem Verstand stehen bei der Bewältigung dieser Komplexität nur begrenzte Mittel zur Verfügung. Er behilft sich in der Regel damit die Welt etwas übersichtlicher zu machen, indem künstliche Unterschiede erzeugt werden: Dies im Unterschied zu jenem. Du im Gegensatz zu mir. Meines oder deines. Angenehm oder unangenehm. Gut oder schlecht. Wahr oder unwahr – und immer so weiter. Auf der Basis von Differenz bilden wir uns erst Begriffe und schließlich Meinungen darüber, wie die Welt funktioniert. Und immer differenzierter werdend, formulieren wir erst kleine Glaubenssätze und schließlich religiöse Glaubensbekenntnisse, politische Paradigmen, wissenschaftliche Theorien und so fort.

Unsere unterscheidende Denkweise erzeugt Trennungen – und das schließt auch uns selbst mit ein: Wir im Unterschied zu ‚der Welt da draußen‘. Genauer gesagt entsteht so überhaupt erst ein ‚Ich‘, denn auf diese Weise konstruieren wir ein Bild von uns selbst, eine Identität im Unterschied zu anderen oder anderem. Es liegt in der Natur seines Entstehens, dass unser „Selbst-Bewusstsein“ von jeder Veränderung tendenziell bedroht wird.

Um unsere Selbst-Inszenierung und den Glauben an eine Identität zu untermauern stattet uns ahaṃkāra, der „Ego-Macher“ unseres Geistes, gerne mit äußerlichen Besitztümern und Requisiten aus, die wir mögen und begehren. Hier wirkt eine Hauptursache des Leidens, das kleśa „raga“, die Anhaftung. Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Wie gerne oder verzweifelt habe ich mich in meinem Leben zum Beispiel immer wieder mit meinen beruflichen Erfolgen, meinen tollen Weiterbildungen, meinen schönen und klugen Lebenspartnerinnen, meinem trainierten Yoga-Körper und seinen Armbalancen „ausgestellt“. Aber auch so profane Dinge wie schicke Kleidung oder eine von Kennerschaft zeugende japanische Grüntee-Sammlung habe ich genutzt, um vor mir und anderen ein bestimmtes Bild zu erschaffen. Dass ich damit öfters eher das Gegenteil des Gewünschten erreichte, ist vermutlich nicht weiter verwunderlich…

Um eine unterscheidbare Seite unserer Identität zu markieren, lehnt ahaṃkāra zugleich Dinge, Gedanken oder Menschen ab, an die wir nicht anhaften wollen, die nicht in dieses Bild passen oder die wir nicht haben beziehungsweise mit denen wir bloß nicht in einen Topf geworfen werden wollen. Hier wirkt ein anderes kleśa namensdvesha“, die Ablehnung. Darin ist stets eine Trennung enthalten, die, wie die Yogis glauben, in Wahrheit gar nicht existiert.

In einem abgegrenzten Rahmen ist diese identifizierende, differenzierende und letztlich konservierende Funktionsweise unseres gewöhnlichen Geistes übrigens durchaus erfolgreich und sinnvoll: So entwickelten wir zum Beispiel Sprachen, mit deren Hilfe wir uns einigermaßen gut verständigen können. Wir können auf der Basis wissenschaftlicher Begriffs- und Theoriebildung Krankheiten behandeln, drahtlos im Internet surfen oder zum Mond fliegen. Wir organisieren uns in geregelten Gemeinschaften, die ihre Mitglieder unterstützen können und so weiter.

Unsere geistigen Trennungen führen jedoch auch dazu, dass wir in einen schmerzhaften Kampf mit der Wirklichkeit geraten: Werden unsere mühsam errichteten Gedankengebäude erschüttert, so ringen wir umso mehr um ihren Erhalt und um Kontrolle: Wir versichern uns beispielsweise unseres Glaubens, indem wir uns die Welt zur Not mit Gewalt zurechtbiegen, uns in Blasen von Gleichgesinnten versammeln oder versuchen bedrohlichen Wandel mit allen Mitteln abzuwehren. Unsere Idee von uns und der Welt wird immer mehr zu einer verengten Überzeugung wie alles (auch weiterhin) funktionieren müßte – oder zumindest sollte…

Doch wie oft haben wir erfahren, dass unser Verlangen etwas unbedingt haben zu wollen oder auch an etwas festhalten zu wollen eher zu Enttäuschung und Leid geführt hat? Dass wir dadurch korrumpiert oder gar zerstört haben, was wir so sehr wollten? Dass uns unser Kontrollbedürfnis nicht Sicherheit, sondern die Fortsetzung unserer Unsicherheit beschert hat?

Wie oft mussten wir Meinungen, die wir einst vehement vertreten haben, im Laufe unseres Lebens revidieren, weil wir uns damit in eine Sackgasse manövriert haben?

Wie sehr haben unsere Versprechen und unser gefühlter Anspruch auf ewige und exklusive Liebe zu Enttäuschung, Eifersucht, Ablehnung und sogar Trennung geführt?

Haben wir uns in unserem ehrgeizigen Streben danach alles richtig machen und die Anerkennung anderer gewinnen zu wollen, nur unbeliebt gemacht?

Wie viele Verletzungen haben wir ehrgeizigen Yogi*ni*s uns zugezogen, weil wir um jeden Preis eine anspruchsvolle āsana meistern wollten, nur um uns am Ende von diesem Ziel noch weiter entfernt zu haben?

Wie viele Sorgenfalten haben wir in unserer vergeblichen und leidvollen Sehnsucht nach ewiger Jugend hinzu gewonnen?

Wie viele Menschen haben sich in ihrem Drang nach materieller Lebensabsicherung totgearbeitet, um vielleicht kurz vor dem Ende noch festzustellen, dass sie nichts davon mitnehmen konnten?

Wie oft konnte die Wissenschaft feststellen, dass sie ihre Erkenntnisse wieder verwerfen und aktualisieren musste?

Wie viel Leid haben organisierte Religionen oder politische Systeme mit ihren rigiden Prinzipien über die Menschen gebracht, zu deren Wohl sie doch eigentlich angetreten waren?

Yoga, ebenso wie auch die großen buddhistischen Lehren, weisen uns darauf hin, dass sich alles Leben immerzu verändert, und es eine Illusion unseres gewöhnlichen Geistes ist, etwas Unvergängliches darin zu erkennen. Die Erscheinungsformen des Lebens, von prakṛtibefinden sich in einem Fluss der Fülle, in dem immerzu alles in Veränderung begriffen ist und kein Moment dem darauf folgenden gleicht. Gegen diese Realität zu kämpfen, indem wir beispielsweise krampfhaft materielle Dinge um uns sammeln, unsere Meinungen zementieren, lebendige Beziehungen in starre Formen pressen, oder uns, andere und all unsere Lebensumstände kontrollieren wollen, führt nach diesen Lehren zu duḥkha: Kummervoller Sorge, Leid und Schmerz.

aparigraha bedeutet aber nicht, dass wir uns deshalb nicht mehr auf andere Menschen einlassen, unseren Körper einfach dem Verfall preisgeben, alles ablehnen und bloß nichts Weltliches mehr anfassen sollten. Auch das wäre lebensfeindlich.

aprigraha erinnert uns eher daran, dass wir uns vom Wachsen abhalten, wenn wir uns gegen den Fluss des Lebens auflehnen und alles kontrollieren wollen. Wir finden darin den Hinweis, dass unsere Sicherheit letztlich darin liegt die Mauern unseres Geistes und unserer Ego-Illusion abzubauen – und uns stattdessen berührbar und verletzlich zu machen.

aparigraha ist eine Praxis des Loslassens. Wir können erfahren, dass es gar nicht notwendig ist, nach so viel zu greifen. Wir können uns immer wieder aufs Neue damit vertraut machen, dass sich alles verändert – und wir uns mitbewegen können. Es beschreibt eine achtsame Weise unser Bewusstsein von Augenblick zu Augenblick fließen zu lassen und dadurch in Verbindung mit dem Leben zu bleiben.

Wir können aparigraha so als Ermutigung verstehen, dass wir über alles Wesentliche bereits verfügen und uns dem Fluss und der Fülle des Lebens anvertrauen können. Und in dieser Erkenntnis liegt große Freiheit…