Blog Philosophische Inspirationen yama & niyama

Vom maßvollen Leben in vollen Zügen (yama)

Yama bildet das erste Glied des achtgliedrigen rājayoga Patañjalis und ist Teil des Lebenskodex des Yoga. Die yamas beziehen sich auf fünf grundlegende Lebensprinzipen, die beschreiben wie wir uns verhalten würden, wenn unser Geist mit seinen „erleuchteten“ Anteilen verbunden ist.

Im rājayoga-Sprech Patañjalis ließe sich das so beschreiben: Der erkennende buddhi-Teil unseres Geistes hat ein so hohes Maß des guṇas „sattva“ erreicht, ist also so klar, dass er von unserem puruṣa-Bewusstsein, unserem „wahren Selbst“, erleuchtet werden kann. Und entsprechend friedvoll, umsichtig und mitfühlend wäre unser Umgang mit uns selbst wie auch mit unserer Umwelt.

Sollten wir uns nicht in diesem Zustand befinden, was zumindest bei mir häufiger der Fall ist, so geben uns die yamas recht konkrete Anregungen im Sinne einer grundlegenden Ethik des Miteinanders. Der Yoga kennt keine Sünde, Schuld und Buße. Folglich sind die yamas auch nicht als Gebote zu verstehen, sondern sie sind vielmehr eine Empfehlung für die Praxis unseres täglichen Lebens. Yogi*nis lassen sich davon inspirieren, weil sie wissen, dass sie so eher im Frieden mit sich und anderen leben können.

Vermutlich werden es die meisten von uns kaum schaffen ihr Leben immerzu an allen yamas auszurichten. Und würden wir versuchen diese Prinzipien um jeden Preis und zwanghaft durchzusetzen, ungeachtet unserer aktuellen Begrenzungen, so kämen wir schon mit dem ersten Prinzip ahiṃsā, der Gewaltlosigkeit, in Konflikt. Doch wenn wir unruhig, unzufrieden oder verwirrt sind, so können wir uns einfach immer wieder an diese basalen Prinzipien erinnern, um uns selbst zu unterstützen. Und wir werden erkennen, ob wir dadurch freundlicher, geduldiger und toleranter gegenüber uns und anderen sein können. Ob wir beispielsweise ruhig und zentriert bleiben können, auch wenn andere um uns herum aufgeregt und wütend sind. Und wir werden auch merken, ob wir nach außen hin nur so tun als ob, oder ob wir uns tatsächlich auf eine Weise verändern, die uns innerlich freier und sanftmütiger werden lässt.

Aber schauen wir uns das erste Glied „yama“ des rājayoga bzw. „ashtanga yoga“ (von ashta = acht; anga = Glied, Teil) noch etwas genauer an:

Die yamas werden häufig als ethische Leitlinien für den Umgang mit anderen beziehungsweise unserer Umwelt beschrieben, während sich die niyamas, das zweite Glied des rājayoga, eher auf den Umgang mit uns selbst zu beziehen scheinen. Das ist sicher nicht falsch. Doch bei genauerer Betrachtung basieren die einzelnen yamas immer auch auf einem friedvollen und freundlichen Umgang mit uns selbst. Sie sind also keineswegs eine lediglich nach außen gerichtete Praxis.

Eine andere Interpretationen der yamas betont eher den Aspekt der freiwilligen Enthaltung (vom Sanksritwort yama = Zügelung, Zurückhaltung, Beschränkung). Passend dazu beginnen drei der fünf yamas mit der Vorsilbe „a-„, was im Sanskrit „nicht“ bedeutet bzw. das Gegenteil von etwas bezeichnet. So setzt sich beispielsweise gleich das erste yama „ahiṃsā“ aus den Worten a = nicht und hiṃsā = Gewalt bzw. Töten zusammen, meint also den Verzicht auf Gewalt, bzw. kurz die Gewaltlosigkeit.

Wir können alle diese Aspekte in den yamas finden, und so schlage ich vor, sie einfach als Anregungen für einen maßvollen Umgang mit uns selbst wie auch mit unserer Umwelt zu verstehen.

Die fünf yamas sind der Reihe nach:

ahiṃsā (von a = nicht, hiṃsā = Verletzen, Gewalt, Schädigung, Töten): Das Prinzip der Gewaltlosigkeit gründet auf der Idee, dass wir letztlich miteinander verbunden sind. Es empfiehlt uns weder zu töten noch andere Lebewesen in irgendeiner Form offensichtlich oder subtil zu verletzen. Und das gelingt erst, wenn wir auch freundlich zu uns selbst sind.  Hier weiterlesen…

satya (von sat = wahr, wirklich, existent, gut): Das zweite yama steht dafür anzuerkennen, was wahr und wirklich – und deshalb grundlegend gut ist. Nur durch aufrichtige Selbstbefragung können wir uns allen Gedanken und Gefühlen stellen, die wir in unserem Geist vorfinden. Wenn wir lernen diese ohne Widerstand und Selbstverleugnung zu akzeptieren, können wir wahrhaftig und authentisch sein – auch im Kontakt mit anderen. Satya beinhaltet zudem einen Aspekt von Bescheidenheit in Bezug auf das eigene Erkenntnisvermögen. Als offene Suche nach Wahrheit umfasst das yama auch das Zuhören und den Respekt vor den Wahrheiten anderer.  Hier weiterlesen…

asteya (von a = nicht, steya = stehlen): Der yama handelt weniger davon anderen nichts wegzunehmen oder nicht zu stehlen. Er kann uns vielmehr dazu inspirieren unser Verlangen zu zügeln uns etwas anzueignen, das letztlich nie uns gehören kann und unweigerlich immer mit anderem und anderen verbunden ist. Denn jedesmal wenn wir uns eine Sache zuschreiben, schaffen und stärken wir gleichzeitig die Instanz eines Egos anstatt unsere wahre Natur zu erkennen. Hier weiterlesen… 

brahmacarya (bzw. auch brahmacharya) bedeutet wörtlich übersetzt „Wandel in das Absolute“: Zwar traditionell oft mit dem Aspekt der sexuellen Enthaltsamkeit gleichgesetzt, lässt sich dieses yama aber auch allgemeiner deuten: Wie können wir achtsam unsere Energien umgehen? Auf einer tieferen Ebene beschreibt brahmacarya einen unegoistischen und maßvollen Lebenswandel, der das Wesentliche würdigt: Unsere Verbindung mit etwas, das weit größer ist als wir selbst.  Hier weiterlesen…

aparigraha (von a = nicht, parigraha = horten, sammeln): Damit ist eine bescheidene Lebensweise gemeint, die uns beweglich macht. Wir behalten nicht mehr als wir benötigen. Zu glauben, wir könnten irgendetwas festhalten, ist eine Illusion. Alles Sein ist vergänglich. Unser Körper, unsere Gedanken, unsere Beziehungen wie auch alle materielle Dinge. Und so empfiehlt uns aparigraha uns nicht abhängig von bestimmten Aspekten des Lebens zu machen, sondern stattdessen gelassen und loslassend auf die Fülle des sich stets verändernden Lebens zu vertrauen.  Hier weiterlesen…