Blog Philosophie yama & niyama

niyama – ein Versprechen an uns selbst

Niyama bildet das zweite Glied des achtgliedrigen „rājayoga“ Patañjalis und ist neben „yama“ Teil des Lebenskodex des Yoga. Die niyamas umfassen fünf Empfehlungen für ein selbstverantwortliches und zugleich hingebungsvolles Leben.

Das Sanskritwort „niyama“ (m) bedeutet wörtlich Notwendigkeit oder Regel. Die niyamas werden teilweise auch als Gelübde oder Selbstverpflichtungen bezeichnet, da sie eine Grundlage für die Yoga-Praxis (sadhana) bilden. Und sicherlich ist damit eine gewisse Selbstdisziplin verbunden. Doch die niyamas sind nicht als rigide Regeln zu deuten, denen wir aus einem inneren Zwang heraus folgen. Mit den niyamas zu leben bedeutet auf eine bestimmte Art und Weise gut und liebevoll mit sich selbst umzugehen und dadurch sein Leben zu harmonisieren. Die Disziplin, die mit dieser Praxis einhergeht, entsteht aus Freude an unserem Wachstum, das wir genau dadurch ermöglichen. Niyama gleicht also eher einem Versprechen, das wir uns gerne selbst geben möchten.

Die fünf niyamas sind der Reihe nach:

śauca (bzw. auch shaucha): Dieser niyama handelt von einem reinen Lebenswandel im weitesten Sinne. Äußerlich steht der Aspekt von Reinlichkeit im Vordergrund. Ein sauberer und gepflegter Körper, eine gesunde Ernährung, eine einfache und aufgeräumte Umgebung, die uns nicht ablenkt. Auf einer subtileren Ebene tritt der Aspekt von Reinheit hervor, der mit Entscheidungen verbunden ist: Wollen wir uns permanent ablenken und geistig zumüllen lassen? Wollen wir uns unentwegt von dem Spektakel unserer Sinneseindrücke, Gefühle und Gedanken mitreißen lassen, oder bleiben wir auf das Wesentliche fokussiert? Indem wir unsere Aufmerksamkeit bündeln, können wir die Dinge, auf die wir sie legen, intensiver und lebendiger wahrnehmen. Hier weiterlesen…

santoṣa (bzw. auch santosha): Wie können wir Zufriedenheit kultivieren mit dem was wir vorfinden? Dieser niyama erinnert uns daran bewusster wahr- und anzunehmen was ist. Erkennen wir die Möglichkeiten, die darin liegen? Brauchen wir wirklich mehr, oder können wir schon mit dem „üben“ was uns gerade zur Verfügung steht – auch wenn das womöglich Schmerz und Leid ist? Diese Praxis des Balancierens bedeutet nicht, dass wir alles akzeptieren müssen was wir vorfinden. Aber statt zu jammern und uns in einer Opferrolle einzurichten, können wir von einer Warte der Genügsamkeit, Zufriedenheit und des Potenzials aus handeln und notwendige Veränderungen einleiten. Hier weiterlesen…

tapas (von tāpa = Glut, Hitze oder Schmerz, Pein): Dieser niyama steht für unsere Fähigkeit unsere Energie zu bündeln, sie voll und ganz für das einzusetzen, was uns am Herzen liegt und die Hitze auszuhalten, die dabei entsteht.  Wir nutzen das „Feuer“ in uns, um uns voll und ganz für das zu engagieren was wir machen, auch wenn das nicht immer angenehm sein mag. Aus einem tiefen inneren Bedürfnis heraus widmen wir uns unserer Praxis, welcher Art sie auch sein mag. tapas beinhaltet sowohl einen Aspekt von Beständigkeit als auch von Gleichmut: Selbst wenn uns unsere Lethargie zur Prokrastination einlädt und auch wenn wir unweigerlich immer wieder das Gefühl haben zu „scheitern“, so setzen wir unsere Praxis regelmäßig fort. Nicht als Selbstbestrafung oder aus Anhaftung an irgendwelche Vorgaben, sondern aus Respekt vor uns selbst und unserem Potenzial. So kann unsere Praxis auf Dauer Früchte tragen. Hier weiterlesen

svādhyāya (von svādh = eigene, yaya = Studium): Ursprünglich als Studium und Kontemplation der heiligen Texte, besonders der Veden, gedacht, steht svādhyāya  weiter gefasst für eine Schau nach Innen. Denn so wie die Veden als Ausdruck einer ewigen Realität verstanden wurden bzw. werden, so geht es im Yoga letztlich darum diese ewige Realität in unserem wahren Selbst zu erkennen. Dieses Selbststudium beinhaltet also jede Form von bewusster Selbstreflexion. Dazu gehört beispielsweise unsere psychischen Muster (saṃskāras) und die Funktionsweise unseres Geistes auf jede uns zur Verfügung stehende Weise zu erforschen. Dabei werden wir nicht nur Stärken erkennen, sondern auch gnadenlos auf unsere ungeliebten Schwächen, Abhängigkeiten und Grenzen stoßen. Doch svādhyāya bedeutet nicht uns selbst zu verurteilen. Wir nehmen nur ehrlich wahr was wir vorfinden.  Hier weiterlesen…

īśvarapraṇidhāna (bzw. auch īshvarapranidhāna; von īśvara = Herr, der Allgewaltige – als eine der allgemeinsten Bezeichnungen für Gott, unabhängig von einer religiösen Ausprägung und praṇidhāna = Hingabe, Ehrfurcht): Interessanterweise nennt Patañjali, dessen Lehre stark in der atheistischen sāmkhyā-Philosophie verwurzelt ist, die Hingabe an etwas Göttliches als eine notwendige Bedingung für die Vollendung im samādhi. Etwas weiter gefasst kann man diesen niyama als Bekenntnis verstehen, dass allem etwas Göttliches innewohnt bzw. alles durch eine größere und universellere Intelligenz als die unsere vereint wird. Sich dieses großen Mysteriums demütig anzuvertrauen, relativiert die Wichtigkeit unseres kleinen Egos und seiner beschränkten Lebenspläne. Hier weiterlesen…