Blog Philosophische Inspirationen yama & niyama

Mit sich selbst im Reinen sein (śauca)

„Sauber bleiben!“ rief mir früher mein bayerischer Cousin immer zum Abschied hinterher. Sein Hinweis auf einen reinen Lebenswandel findet im Yoga seine Entsprechung in śauca (bzw. auch shaucha). Es ist ein sog. niyama und handelt im weitesten Sinne davon mit uns selbst gut umzugehen. Oder anders gesagt: Ein Leben zu führen, mit dem wir im Reinen sind.

Das kann sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen äußern. Unter anderem können wir schlicht und ergreifend Reinlichkeit praktizieren. Angefangen mit unserem erstaunlichen Körper, auf den es sich lohnt trotz oder eher wegen seiner Vergänglichkeit sorgsam zu achten. Dieser Körper wird früher oder später vergehen, doch er steht für das Geschenk des Lebens, das wir empfangen haben und auf die eine oder andere Weise weitergeben. Er ist das intelligente Gefäß unseres Geistes. Aus dieser Sichtweise ist es naheliegend ihn rein zu halten, ihn zu pflegen und auf eine Weise zu behandeln, die unserer Gesundheit zuträglich ist. Das schließt auch eine Ernährung ein, die uns Energie schenkt und unseren Körper in seinen Funktionen unterstützt. In der Hatha Yoga Pradipika werden sogar ausdrücklich sechs konkrete Reinigungstechniken, sogenannte ṣaṭkriyās (bzw. shatkriyas) beschrieben, die unseren Körper und dadurch auch unsere Yogapraxis unterstützen. Fern von körperlicher Selbstoptimierung und narzisstischem Körperwahn können wir einfach würdigen welch einzigartigen Körper uns die Natur zur Verfügung gestellt hat.

Auch die alltäglichen äußerlichen Dinge, die uns umgeben, wie zum Beispiel unsere Kleidung, Wohnung oder unseren Arbeitsplatz können wir in unsere Achtsamkeitspraxis einbeziehen, indem wir sie reinlich halten. Wenn wir uns beispielsweise ein Zuhause schaffen, das schlicht und aufgeräumt ist, dann kann uns das dabei helfen, unser Leben zu vereinfachen. Unserem Geist fällt es an so einem Ort leichter klar zu bleiben, da er weniger abgelenkt, zerstreut und in die Vergangenheit gezogen wird. Damit ist weder zum zwanghaften Putzfimmel aufgerufen noch geht es darum uns in eine möglichst karge Gummizelle einzusperren. Aus Achtung vor uns selbst schaffen wir uns Räume, die uns inspirieren und Lust darauf machen zu wachsen. Entsprechend sorgfältig gehen wir mit ihnen um. Und schließlich zählt auch unsere Umwelt zu der Umgebung, die wir und andere zum Leben benötigen, und die es verdient hat, dass wir sie nicht unnötig belasten und verschmutzen.

Ich verstehe die Praxis von śauca auch als so etwas wie einen Dienst: Dankbar durch unser Tun zu achten, was uns geschenkt wurde.

In Schweige-Retreats habe ich (zugegebenermaßen schon fast klischeehaft) oft die Gemeinschaftstoilette geputzt. Am ersten Tag wollte ich diese lästige Aufgabe einfach nur schnell hinter mich bringen, um mich dann endlich wieder sinnvollen und erhabeneren Dingen wie zum Beispiel meiner Erleuchtung zuwenden zu können… Als ich mir dann doch mehr Mühe gab, wollte ein Teil von mir, dass die anderen bemerken und wertschätzen würden, wie unglaublich sorgfältig ich diese Toilette doch geputzt hätte. Aber nach und nach merkte ich, wie es mir eigenartigerweise immer weniger um solche Ergebnisse ging. Das achtsame Putzen selbst wurde zu einem erhabenen Dienst, während dem meine bedürftigen Anteile immer stiller wurden.

Auf einer subtileren Ebene gesellt sich zum Aspekt der äußeren Reinlichkeit die innere Reinheit unseres Geistes. (Und nein, damit ist nicht gemeint, dass wir keusch bleiben sollen.)

Eher: Wie sorgfältig und pfleglich gehen wir mit unserem Geist um?

Wollen wir uns zum Beispiel wirklich unentwegt mit Sinneseindrücken bombardieren und ablenken lassen? Wie geht es uns, nachdem wir uns den ganzen Tag vor der Glotze berieseln haben lassen? Sind wir dadurch ausgeglichener und ruhiger geworden?

Und wie ist es, wenn uns vom inneren Film all unserer Gefühle und Gedanken mit sich reißen lassen und kein Drama auslassen? Lässt sich stattdessen ein klarer innerer Raum schaffen, in dem wir einfach nur beobachten, wie wir das zum Beispiel in der Meditation praktizieren können? Pema Chödrön, eine buddhistische Nonne, hat für diesen Umgang mit unseren Gedanken und Gefühlen das schöne Bild eines Portiers im Hotel: Wir begrüßen und verabschieden alle Gäste im Foyer, aber wir begleiten sie weder alle zum Shoppen in die Stadt, noch gehen wir mit ihnen auf ihr Zimmer.

Eine geistige Reinheitspraxis beinhaltet auch wie wir mit anderen umgehen. Gehen wir uns selbst aus dem Weg, indem wir uns im Außen abarbeiten und vergleichen, andere auf der Grundlage unserer Projektionen verurteilen und über sie lästern? Oder gibt es da auch einen Teil Großzügigkeit und Güte, der es vermag uns selbst und anderen Gutes zu wünschen? Welche innere Aufgeräumtheit kann dadurch entstehen?

Die innere und äußere Praxis von śauca lassen sich nicht trennen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Klarheit. Meine Wohnung sieht zum Beispiel meistens weniger appetitlich aus, wenn ich gerade innerlich mit etwas kämpfe. Und andersherum fällt es mir manchmal leichter mit mir selbst innerlich „ins Reine zu kommen“, wenn ich bewusst für äußere Klarheit gesorgt habe und einfach mal aufräume. Ananda, einer meiner Lehrer, formulierte es einmal ganz schön: „The angels will only land at a clean place.“

Zum Abschluss die gute Nachricht für alle, die nicht gerne putzen:

Alle Praxisformen von śauca sind im Yoga nur als eine Erinnerung an die ohnehin immer schon vorhandene, grundlegende Reinheit unserer eigentlichen Natur zu verstehen…

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