Blog Philosophie yama & niyama

śauca – mit sich selbst im Reinen sein

Der niyama śauca (bzw. auch shaucha) handelt im weitesten Sinne von einem reinen Lebenswandel – oder anders gesagt von einem Leben, mit dem wir im Reinen sind.

śauca ist die erste von fünf Richtlinien im Umgang mit uns selbst, den sogenannten „niyamas“, die das zweite Glied des rājayoga bilden.

Das kann sich auf vielen verschiedenen Ebenen äußern. Unter anderem können wir schlicht und ergreifend Reinlichkeit praktizieren. Angefangen mit unserem erstaunlichen Körper, auf den es sich lohnt trotz oder eher wegen seiner Vergänglichkeit sorgsam zu achten. Dieser Körper wird früher oder später vergehen, doch er steht für das Geschenk des Lebens, das wir empfangen haben und auf die eine oder andere Weise weitergeben. Er ist das intelligente Gefäß unseres Geistes und, zumindest vorübergehend, auch unseres wahren Selbst, wie die Yogi*nis glauben. Also halten wir ihn rein, pflegen ihn und behandeln ihn auf eine Weise, die seiner Gesundheit zuträglich ist. Das schließt auch eine Ernährung ein, die wertvoll ist, uns Energie schenkt und unseren Körper in seinen Funktionen unterstützt. In der Hatha Yoga Pradipika werden sogar ausdrücklich sechs konkrete Reinigungstechniken, sogenannte ṣaṭkriyās (bzw. shatkriyas) beschrieben, die unseren Körper und dadurch auch unsere Yogapraxis unterstützen. Fern von ängstlicher körperlicher Selbstoptimierung und narzisstischem Körperwahn würdigen wir auf dieser Ebene von śauca einfach welch einzigartigen Körper uns die Natur zur Verfügung gestellt hat.

Auch die äußerlichen Dinge, die uns umgeben, wie zum Beispiel unsere Kleidung, Yogamatte, Wohnung oder unseren Arbeitsplatz können wir in unsere śauca-Praxis einbeziehen, indem wir sie reinlich halten. Wenn wir uns beispielsweise ein Zuhause schaffen, das schlicht und aufgeräumt ist, dann kann uns das dabei helfen, unser Leben zu vereinfachen. Unserem Geist fällt es an so einem Ort leichter klar zu bleiben, da er weniger abgelenkt, zerstreut und in die Vergangenheit gezogen wird. Damit ist weder zum zwanghaften Putzfimmel aufgerufen noch geht es darum uns in eine möglichst karge Gummizelle einzusperren. Aus Achtung vor uns selbst schaffen wir uns Räume, die uns inspirieren und Lust darauf machen zu wachsen. Entsprechend sorgfältig gehen wir mit ihnen um. Und schließlich zählt auch unsere Umwelt zu der Umgebung, die wir und andere zum Leben benötigen, und die es verdient hat, dass wir sie nicht unnötig belasten und verschmutzen.

Ich verstehe die Praxis von śauca eher als so etwas wie einen Gottesdienst – dankbar achten wir durch unser Tun was uns geschenkt wurde.

In meinen Schweige-Retreats putze ich (zugegebenermaßen schon etwas klischeehaft) jeden Tag die Gemeinschaftstoilette. Am ersten Tag wollte ich diese lästige Aufgabe einfach nur schnell hinter mich bringen, um mich dann endlich wieder sinnvollen und erhabeneren Dingen wie zum Beispiel meiner Erleuchtung zuwenden zu können… Oder zumindest wollte mein Ego, dass die anderen bemerken und wertschätzen würden, wie unglaublich gut ich diese Toilette doch geputzt hätte. Aber nach und nach merkte ich, wie es mir eigenartigerweise immer weniger nur noch um solche Ergebnisse ging. Das achtsame Putzen selbst wurde zu einer erhabenen Praxis, zu einem Dienst, bei dem mein bedürftiges Ego immer stiller wurde.

Auf einer subtileren Ebene von śauca gesellt sich zum Aspekt der äußeren Reinlichkeit die innere Reinheit unseres Geistes. (Und nein, damit ist nicht gemeint, dass wir keusch bleiben sollen.)

Wie sorgfältig und pfleglich gehen wir mit unserem Geist um?

Wollen wir uns zum Beispiel wirklich unentwegt mit Sinneseindrücken bombardieren und ablenken lassen? Wie geht es uns, nachdem wir uns den ganzen Tag vor der Glotze geistig zumüllen haben lassen? Sind wir dadurch ausgeglichener und ruhiger geworden?

Und wie ist es, wenn uns all unsere Gefühle und Gedanken sofort mit sich reißen, wir uns mit jeder geistigen Regung identifizieren und kein Drama auslassen? Was für Entscheidungen treffen wir auf dieser Grundlage? Oder lässt sich stattdessen Raum schaffen, um einfach mal nur zu beobachten, wie wir das zum Beispiel in der Meditation praktizieren können? Pema Chödrön, eine buddhistische Nonne, hat für diesen Umgang mit unseren Gedanken und Gefühlen ein schönes Bild. Sie spricht von der Rolle eines Portiers im Hotel: Wir begrüßen und verabschieden alle Gäste die durch das Foyer kommen und gehen, aber wir begleiten sie weder alle zum Shoppen in die Stadt, noch gehen wir mit ihnen auf ihr Zimmer. (Zumindest nicht mit allen…)

Diese geistige Praxisform von Reinheit beinhaltet zudem wie wir mit anderen umgehen. Trüben wir den Blick auf uns selbst, indem wir uns im Außen abarbeiten und nur damit beschäftigt sind uns abzugleichen, andere auf der Grundlage unserer Projektionen zu verurteilen und über sie zu lästern? Oder gibt es da auch einen Teil von maitri (liebevolle Güte), der es vermag uns selbst und anderen Gutes zu wünschen? Und welche innere Aufgeräumtheit können wir dadurch bewirken?

Natürlich lässt sich die innere und äußere Praxis von śauca nicht trennen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Klarheit. Meine Wohnung sieht zum Beispiel meistens weniger appetitlich aus, wenn es mir nicht gut geht. Und andersherum fällt es mir manchmal leichter mit mir selbst innerlich „ins Reine zu kommen“, wenn ich bewusst für äußere Klarheit sorge und einfach mal aufräume. Ananda, einer meiner Lehrer, hat dazu einmal passend gesagt: „The angels will only land at a clean place.“

Zum Abschluss die gute Nachricht für alle die nicht gerne putzen:

Alle Praxisformen von śauca sind im Yoga nur als eine Erinnerung an die ohnehin immer schon vorhandene, grundlegende Reinheit unserer Essenz zu verstehen…

Möchtest Du etwas mitteilen oder fragen?