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satya – Lieben was ist

Der Sanskritbegriff satya leitet sich von der Silbe sat ab, die seiend, wahr, wirklich – und interessanterweise auch ‚gut‘ bedeutet. satya ist die zweite von fünf Tugenden (sog. yamas), die das erste Glied des rājayoga ausmachen. Der yama empfiehlt uns anzuerkennen, was wahr und wirklich – und deshalb gut ist.

Klingt einfach. Doch: Was ist schon wirklich und wahr? Können wir das überhaupt erkennen? Gibt es nicht nur unsere eigene Realität? Wie kann all das, was wir in der Welt sehen, gut sein? Und wie soll man, vor solch großen Fragen stehend, damit beginnen satya zu praktizieren?

Eine recht geläufige Auslegung von satya empfiehlt, dass man sich der Lüge enthalten und möglichst authentisch verhalten soll. Aber kratzt das nicht nur an der Oberfläche dieses großen, zweiten yama? Dahinter gibt es weit mehr zu entdecken. Statt durch die Welt zu laufen und eigene Wahrheiten vor sich herzutragen, liegt für mich der Reiz von satya zuerst einmal in einer Praxis aufrichtiger Selbstbefragung:

Was kann ich erkennen, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin? Und kann ich mir eingestehen was in mir vorgeht?

Hand auf’s Herz: Wie oft lenken wir uns ab oder machen uns selbst etwas vor, um einer Seite von uns nicht begegnen zu müssen, die uns unangenehm, peinlich oder gar unerträglich ist? Wie oft lügen wir uns in die eigene Tasche, um nicht mit unserer Überforderung, unserer Scham, unserer Angst oder unserem Schmerz konfrontiert zu werden. Kurz gesagt: Wie oft kämpfen wir mit dem was in uns vorgeht?

Vielleicht sind wir kleine Workaholics, die sich mit Aufgaben, Terminen und anderem zuschütten, um bloß nicht auf die Gefühle zu stoßen, die uns in einem ruhigen Moment zu überwältigen drohen.

Oder wir betonen fortwährend, wie gut es uns doch gehen würde, während in uns Unsicherheit, Traurigkeit und Einsamkeit nagen. Vielleicht reden wir uns auch verzweifelt ein, dass wir alles im Griff hätten, während wir uns eigentlich hoffnungslos überfordert und inkompetent fühlen.

Denken wir unser Körper sollte anders sein? Schlanker oder fülliger. Größer oder kleiner. Beweglicher, kräftiger, entspannter, gesünder…?

Vielleicht ärgert, verletzt oder ängstigt uns das was jemand tut. Doch statt uns einzugestehen, dass wir damit ein Problem haben, lenken wir unsere Aufmerksamkeit voll und ganz auf die Störungen, die wir dieser Person unterstellen.

Welche psychischen und partnerschaftlichen Probleme entstehen, wenn wir unser Begehren vor uns selbst verleugnen? Vielleicht möchten wir mit einer Person Sex haben, obwohl das unser Selbst- oder Beziehungskonzept nicht erlaubt. Oder wir wollen das auf eine bestimmte Weise, die aber nicht zu dem passt, was wir für akzeptabel oder zumutbar halten.

Muten wir uns immerzu positive Gefühle gegenüber unseren Lebenspartnern, Eltern, Kindern usw. zu, obwohl wir gerade nur verärgert oder abgestoßen sind?

Oder besonders clever und ‚meta‘: Werten wir uns dafür ab, dass wir uns so viele Denkverbote auferlegen und nicht ehrlich zu uns sind, obwohl wir als Yogi*nis doch satya praktizieren sollten…?

Unsere Selbstverleugnung kann viele Formen annehmen, doch im Grunde handelt es sich dabei immer um einen Kampf zwischen dem was ist und unserem Glauben, wie die Situation oder wir stattdessen sein sollten.

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„When I argue with reality, I lose—but only 100% of the time.“   Byron Katie

Unser gewöhnlicher Geist denkt und fühlt. Das macht er mehr oder weniger immerzu, vergleichbar mit unserem Körper, der immer weiter atmet, bis er eben stirbt – ob wir das wollen oder nicht. Und ebenso wie sich unsere Atmung unter dem Einfluss vieler Bedingungen laufend verändert, so kommen und gehen auch unsere Gedanken und Gefühle. Manchmal kann sich das recht wild anfühlen. Und dennoch: Keine große Sache, es ist eben wie es ist. Wir kämpfen schließlich auch nicht damit, dass wir atmen. Aber mit unseren Gedanken und Gefühlen gehen wir viel kritischer ins Gericht, oft ohne das überhaupt zu bemerken. Es kann sehr aufschlussreich sein die Bewegungen unseres Geistes ehrlich und ungeschönt zu beobachten und uns auf diese Weise mehr mit uns selbst vertraut zu machen.

Genau das ist ein wesentlicher Teil von satya: Wir geben uns keinen Illusionen hin und laufen nicht vor uns davon. Konsequent und ehrlich gestehen wir uns all das ein, was wir in uns vorfinden, ganz egal ob wir es angenehm, neutral oder unangenehm finden.

Es handelt sich dabei um die grundlegendste Art von Verständnis und Selbstakzeptanz: Wir erkennen alles an, was sich in unserem Geist zeigt.

Wenn möglich ohne uns dafür ab- oder aufzuwerten. Und sollten wir das doch tun, was wahrscheinlich ist, so können wir auch das einfach wieder bemerken, wie jeden anderen Gedanken auch. (Darauf beruht zum Beispiel auch teilweise die buddhistische Shamatha-Meditationspraxis des „ruhigen Verweilens“).

satya heißt allerdings nicht, dass wir alles glauben oder alles ausagieren was wir in unserem bunten Geist vorfinden. Leid entsteht nicht, weil wir Gedanken und Gefühle haben. Es rührt daher, dass wir bestimmte Gedanken glauben, an ihnen anhaften und uns mit ihnen identifizieren. Und entsprechend handeln wir dann: Wir wollen bestimmte Gedanken und Gefühle nicht „wahrhaben“ und bekämpfen sie – obwohl sie genauso einen Teil von uns ausmachen und in diesem Sinne „wahr“ im Sinne von „vorhanden“ sind.

Während der akzeptierenden satya-Praxis lernen wir zu erkennen, welche Gedanken gerade Stress in uns erzeugen. Und dabei zeigt sich, dass ihre einzige Wahrheit darin besteht, dass sie eben auch da sind… Das hat einen erstaunlichen Effekt: Indem wir allen Gedanken und Gefühlen mit diesem grundlegenden Verständnis begegnen, lassen sie uns von ganz alleine wieder los. Nach und nach verlieren wir so die Angst vor unseren ungeliebten Anteilen, was schließlich dazu führt, dass wir uns weniger selbst abwerten. Und darin liegt etwas sehr Befreiendes.

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Aus dieser liebevollen Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber wird es auch einfacher den äußeren Aspekt des yama zu praktizieren – den wahrhaftigen Umgang mit unserer Umwelt:

Wenn wir mit allem was wir in uns vorfinden Frieden schließen, so werden unsere Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen kongruent sein – sie passen zueinander. Wenn wir uns nicht mehr im Kampf mit uns selbst befinden, so ist es auch nicht mehr nötig andere zu täuschen, uns in Übertreibungen oder in Lügen zu flüchten, um unser Gesicht zu wahren. Aus einem ehrlichen Kontakt mit uns selbst heraus können wir anderen aufrichtiger und authentischer begegnen. Und das wiederum schafft die Grundlage für gesunde Beziehungen.

Doch ist das ein fließender Prozess: Wir befinden uns ja immer in Beziehung, auch wenn wir noch nicht mit uns selbst im Reinen sind.

Und so können wir auch im direkten Umgang mit anderen wirkungsvoll satya praktizieren, indem wir uns selbst befragen: Meinen wir wirklich was wir gerade zu jemandem sagen? Passen unsere Handlungen zu dem was in diesem Moment in uns vorgeht? Versuchen wir anderen etwas vorzumachen? Geben wir uns beispielsweise als jemand aus, der wir nicht sind, versuchen wir ungeliebte Teile zu kaschieren, damit uns andere bestätigen? Wollen wir um jeden Preis in einer Yogaposition vor anderen glänzen, obwohl uns dafür noch die körperlichen Möglichkeiten fehlen? Schwindeln wir, damit andere nicht enttäuscht von uns sind? Unterdrücken wir unsere Bedürfnisse, damit wir nicht für sie verurteilt werden? All unsere Vermeidungs-, Verdrängungs- und Täuschungsstrategien kosten uns viel Energie und schränken unsere innere Freiheit ein. Ist es das wert?

Wenn wir noch mit Ansprüchen kämpfen, die uns glauben machen, dass wir selbst anders sein, denken oder fühlen sollten, so werden wir auch mit diesem Blick auf die Welt schauen. Neben unseren Selbstabwertungen werden wir in uns dann jede Menge Vorstellungen finden, wie andere und die Welt sein sollten – nämlich anders:

„Die Menschen sollten freundlicher miteinander sein.“ „Meine Chefin sollte wertschätzender mit mir umgehen.“ „Meine Partnerin sollte mich mehr unterstützen, mich begehren, mir treu sein, mich nicht verlassen…“ „Es sollte nicht mehr regnen.“

Solche „Sollte-Gedanken“ erzeugen, wie jeder Kampf mit dem was (geschehen) ist, Frustration und Stress. Möglicherweise sehen wir auch gar nicht alle Aspekte, sondern nur einen Teil dessen was ist: Vielleicht bin ich selbst nicht freundlich zu den Menschen. Vielleicht ist es hilfreich, dass meine Chefin mich nicht wertschätzt, damit ich endlich lerne mich selbst mehr zu akzeptieren. Vielleicht unterstützt mich meine Partnerin auf eine Weise, die ich noch gar nicht wahrnehme. Vermutlich ist es für die Pflanzen auch ganz gut, dass es regnet…

satya beinhaltet in diesem Sinne einen Aspekt von Bescheidenheit in Bezug auf das eigene Erkenntnisvermögen. Wir werden nämlich feststellen, dass viele Gedanken, die wir uns erzählen, zwar da sind – aber nicht wahr sind. (Was übrigens nahe legt unsere Überzeugungen nicht ständig über die von anderen zu stellen: Als offene Suche nach Wahrheit umfasst satya auch das Zuhören und den Respekt vor der Wahrheitssuche anderer.)

Wie können wir nun herausfinden, ob wir mit einem Gedanken gegen die „Wirklichkeit“ kämpfen? Indem wir uns selbst befragen: Kann ich absolut sicher sein, dass mein Gedanke wahr ist? Was erzeugt dieser Gedanke in mir? Führt er zu Leid, Anspannung, Trennung und Frustration – oder ermöglicht er es mir in Frieden mit mir und der Welt zu leben?

Womöglich hört sich das so an, als sollten wir einfach alles hinnehmen und uns in eine passive Opferrolle einfügen. Doch auch das ist erst einmal nur ein Gedanke! Also: Ist er wahr? Was macht uns handlungsfähiger? Ein „Sollte-Hätte-Müsste-Gedanke“ wie „Meine Partnerin hätte mich nicht verlassen dürfen.“ Oder die grundsätzliche Akzeptanz dessen was ist: „Meine Partnerin ist gegangen – was kann ich nun tun?“

„Reality is always kinder than the story we tell about it“.   Byron Katie

Im Umgang mit unserer Umwelt bedeutet satya also auf die grundsätzlichste Weise anzuerkennen was (geschehen) ist: Dass wir über andere eben denken was wir denken – und fühlen was wir fühlen. Dass etwas geschehen musste und in diesem Sinne ‚gut‘ ist, ganz einfach weil es geschehen ist. Man könnte auch sagen: ‚Gut sein lassen‘ was auf jeden Fall geschieht und was geschehen ist. So wie es auch unsinnig wäre sich darüber zu ärgern, dass es auf der Welt eben regnet.

satya bedeutet jedoch nicht, dass wir ignorant werden, alles erdulden und gar nicht mehr handeln. Wir können uns einen Regenschirm besorgen, weil es auf der Welt regnet. Wir können Frieden mit uns schließen und freundlicher zu anderen sein, wenn wir wollen, dass die Menschen freundlicher miteinander sind. Wir können uns einen anderen Job mit einer anderen Chefin suchen.

Aber in erster Linie bedeutet satya, dass wir wachsam und ohne Widerstand anerkennen was ist – und von hier aus etwas tun und wachsen. Und das werden wir. Spätestens dann, wenn wir anerkennen, dass wir mit uns selbst genauso wenig wertschätzend umgegangen sind wie unsere Chefin… und das schließlich verändern. Das kann bedeuten unbequeme, schmerzhafte oder riskante Entscheidungen zu treffen, die nicht alle Außenstehenden verstehen oder mittragen: Wie beispielsweise ungesunde Beziehungen oder Jobs zu verlassen oder sich für Menschen einzusetzen, die andere ablehnen. Wir müssen also nicht darauf warten, dass sich unsere Chefin verändert oder es nie mehr auf der Welt regnet…

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Als Ausblick noch ein yogischer Blick über den Tellerrand in Richtung Transformation: Wenn wir in der beschriebenen Weise satya praktizieren, also die in unserem Geist auftauchenden Gedanken und Gefühle achten, indem wir ihrer bewusst werden, so werden uns diese einfach wieder loslassen oder zumindest leiser werden. Die Yogi*ni*s glauben, dass sich erst in dieser Stille unseres Geistes unser „wahres Selbst“ (puruṣa) erkennen kann. Oder pathetischer gesprochen: Hier können wir mit einer inneren Wahrheit in Berührung kommen, die mit der höchsten Seinsrealität des Universums verbunden ist. Wohl die höchste Form von satya

„The perfect world is created when the mind is free to see it.“   Byron Katie

Wie meine Zitate von Byron Katie schon andeuten, scheint mir ihr Ansatz „The Work“ neben anderen Formen der Selbstbefragung eine sehr praktikable und zutiefst yogische Herangehensweise an die satya-Praxis zu sein. Dieser Text ist sehr von ihrem Ansatz inspiriert. Mehr dazu beispielsweise in diesem Auszug ihres Buchs „Lieben was ist“ oder auch im Blog Beitrag „Saṃskāra #2 – Bye bye Murmeltier!„.

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