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svādhyāya – Blick hinter den Spiegel

Der niyama svādhyāya steht für eine mutige Praxis der Selbsterkenntnis. Erst wenn wir bereit sind in den Spiegel zu sehen, wird es uns schließlich gelingen, einen Blick dahinter werfen.

 

„Study thy self, discover the divine.“ 

Patanjali II.44 

svādhyāya ist die vierte von fünf Richtlinien im Umgang mit uns selbst, den sogenannten niyamas, die das zweite Glied des rājayoga Patañjalis bilden.

Der zusammengesetzte Sanskritbegriff svādhyāya (m) besteht aus den Worten svā = selbst und adhyāya = lernen, lesen bzw. studieren. Das Wort adhyāya wiederum wurzelt in dhyai, was soviel bedeutet wie bedenken, nachsinnen oder auch meditieren (vgl. auch dhyāna).

All diese begrifflichen Aspekte finden sich in den vielfältigen Praxisformen von svādhyāya wieder, die sich im Laufe der Jahrtausende entwickelten. Traditionell wurde darunter das Studium der von Lehrer zu Schüler ausschließlich mündlich vermittelten heiligen Worte, und hier besonders der Veden, verstanden. Da die Veden als Ausdruck einer absoluten Realität verstanden wurden, die auch dem „wahren Selbst“ innewohnt, sollte die spirituelle Textarbeit einen Zugang zu dieser Wirklichkeit gewähren. Sie wurde somit gewissermaßen zugleich zur Selbst-Erforschung.*

Im Yoga wird häufig zwischen diesem wahren Selbst und dem Wirken unseres kleinen Selbst, dem ‚Ich‘ oder Ego, unterschieden. Ich möchte vorschlagen, dass jede Form von bewusster Selbstbetrachtung, die uns dabei hilft, beides voneinander zu unterscheiden, letztlich als svādhyāya verstanden werden kann. Auch wenn das ‚Ego‘ in spirituellen Kreisen keinen guten Ruf genießt, so ist es doch eine sinnvolle Funktion unseres Geistes. Sie wird beispielsweise im Modell des sogenannten „inneren Instruments“, des antaḥkaraṇa, beschrieben. Grenzen zu setzen und eine Identität zu konstruieren, hilft uns ganz konkret, um in dieser Welt zu überleben. Ein stabiles und reifes ‚Ich‘ bildet zudem die Voraussetzung, um darüber hinaus gehen zu können und zu erkennen, dass dieses abgegrenzte ‚Ich‘ nur ein unbeständiger Behelf ist. Es kann ein Schlüssel zu transpersonalen Erfahrungen sein, in denen sich schließlich unsere tiefere Verbindung offenbart.

Für svādhyāya können wir uns unterschiedlichster Hilfsmittel bedienen: Inspirierende Worte, bewegende Begegnungen, Beratung oder Therapie, der bewusste Umgang mit unserem Körper, Meditation, Kunst und vieles mehr können unsere Selbstreflexion anregen und uns zu Erkenntnissen führen. Am Ende ist nicht entscheidend, welches Mittel wir wählen, sondern ob wir überhaupt dazu bereit sind in den Spiegel zu sehen und dafür unsere Komfortzone zu verlassen.

Als alter Angsthase schleiche ich mich gerne mal davon. Ich versuche der unangenehmen Erfahrung aus dem Weg zu gehen, dass aufrichtige Selbstbeobachtung mich nicht nur mit den Anteilen in Kontakt bringt, die ich an mir mag. Ich stoße dabei gnadenlos auf meine ungeliebten Ängste, Abhängigkeiten und Grenzen. svādhyāya bedeutet eben auch, dass wir unsere Dämonen einladen und uns dieser Erfahrung stellen. Dazu bin ich häufig erst bereit, wenn mich etwas so sehr verwirrt, beunruhigt oder belastet, dass ich keinen anderen Ausweg mehr aus dieser Krise sehe.

Wenn das Leben so gemein zu uns zu sein scheint, basiert unsere Wahrnehmung auf unseren psychischen Prägungen (saṃskāras). Teilweise schon früh entstanden, bilden sie die Grundlage dafür, wie wir unsere aktuelle Wirklichkeit aus unserer Vergangenheit heraus erzeugen. Einige dieser Projektionen führen dazu, dass uns die Welt als ein lebensfeindlicher Ort erscheint, voller Gefahr, Einschränkung und Unmöglichkeit, und im Spiegel sehen wir unsere verzerrte Fratze, die wir nicht für liebenswert halten…

Ein Beispiel. Vor ein paar Jahren verliebte ich mich in eine wundervolle Frau, die mich ebenfalls mochte. Was manche für eine Freundlichkeit des Universums halten würden, bereitete mir – neben einigen Glücksmomenten – aber vor allem Stress: „Sie sieht nicht, wer ich wirklich bin, denn so liebenswert bin ich gar nicht.“ „Sobald sie herausfindet wer ich wirklich bin, wird sie feststellen, dass ich ihr nicht genüge und wieder weg sein.“ „Wenn ich ihr zeige, dass ich sie mag, werde ich ihr bestimmt schnell zu viel werden.“ Und noch einige ähnliche Gedanken spukten plötzlich wieder durch meinen Kopf, denen ich lange nicht mehr begegnet war. Am liebsten wäre ich eingeschüchtert vor dieser Begegnung davongelaufen, um diese Gedanken bloß wieder loszuwerden.

Doch anders als früher entschied ich mich diesmal zu bleiben und svādhyāya in Form des meditativen stillen Verweilens zu praktizieren. Während ich mich all meiner Gefühle und Gedanken aussetzte, fühlte es sich zwar einerseits unangenehm an, immer noch solche Glaubenssätze des Nicht-Genügens in mir zu entdecken, gleichzeitig wurde ich neugierig. Denn diese abwertenden Gedanken passten so gar nicht zu dem weiten und liebevollen Geist, den ich schon seit einiger Zeit an mir kennengelernt hatte. Sie waren wie Gespenster aus der Vergangenheit, die sich zeigten, sobald ich mich innerlich aus meiner liebesbeziehungsbefreiten Komfortzone heraus zu bewegen begann. Meine Unruhe offenbarte einen Teil von mir, den ich erfolgreich ausgeblendet hatte, der jedoch immer noch Leid verursachen konnte. Mein kleines Drama erfüllte mich einerseits mit Demut und erinnerte mich daran, dass noch ein langer Weg vor mir liegt. Andererseits spürte ich große Dankbarkeit. Dafür, dass mir meine „Störungen“ so deutlich diesen Weg wiesen, und auch weil es so offensichtlich war, dass die Welt kein so unfreundlicher Ort sein konnte, wenn dort das Wunder dieser Begegnung möglich war.

Wenn wir svādhyāya praktizieren, werden wir auf Anteile von uns stoßen, die wir nicht mögen werden. Das ist schon schwer genug und es empfiehlt sich gerade dann umso nachsichtiger mit uns zu sein. Es kann helfen sich vor Augen zu führen, dass unsere saṃskāras meist einem Lösungsversuch entspringen, mit dem wir in unserer (teilweise kindlichen) Vergangenheit eine überfordernde oder schmerzliche Situation zu bewältigen versuchten. Das gilt auch für die Muster, die uns später Probleme bereiten, sogar bis hin zu selbstzerstörerischen Tendenzen wie zum Beispiel Süchten. Statt uns dafür zu verurteilen, können wir einfach wahrnehmen was wir in uns vorfinden. Vielleicht gelingt es uns sogar verständnisvoll und liebevoll mit uns sein. Der Therapeut in mir würde sagen, dass wir unsere verletzliche und bedürftige Kinderseele, die sich häufig dahinter verbirgt, selbst in den Arm nehmen können. Und statt uns noch einmal zu bestrafen, indem wir das erlebte Drama zum Beispiel durch Selbstmitleid, Abwertung oder Verschlimmerungsphantasien vergrößern, können wir einfach bei dem bleiben was wir während unserer Selbsterforschung vorgefunden haben.

So praktiziert kann uns svādhyāya dabei helfen die Prägungen und Muster unseres ‚Ichs“ zu erkennen, die unsere Wahrnehmungen, Motivationen und unser Verhalten beeinflussen. Wir können so unsere kleśas beobachten, unsere Hindernisse auf dem Weg zum Zustand des Yoga, mit denen wir Leid erzeugen. Zum Beispiel können wir studieren, wann und wie sich unser Ego im Spiel der vṛttis, also der Bewegungen unseres Geistes citta, manifestiert. Und gerade wenn die innere See unserer Gedankenwellen rau wird, ist das ein hilfreicher Hinweis, um etwas über uns herauszufinden. Indem wir uns auf freundliche und nachsichtige Weise erforschen, können wir uns von den gefühlten Fehlern und Selbstvorwürfen unserer Vergangenheit mehr und mehr befreien. Dabei kann es gut tun, wenn wir durch Lehrer, Freunde oder andere zugewandte Menschen wohlwollend begleitet werden. Sie können uns nicht nur stärken, sondern uns ebenso auf unsere Selbsttäuschungen hinweisen.

Durch die Betrachtung unseres Geistes werden wir ein tieferes Verständnis für seine Funktionsweise entwickeln. Womöglich werden wir dabei auch erkennen, dass dieses ‚Ich‘, ob es nun gerade freundlich oder unfreundlich zu sein scheint, keine Beständigkeit hat. Unser Geist bringt es immer wieder neu hervor, auch wenn er sich dabei auf alte Erfahrungen stützt. Und vielleicht stellt sich uns dann die Frage, wer sich hinter diesen sich verändernden Erfahrungen verbirgt. Ist da etwas Unveränderliches? Etwas Wahres?

Durch svādhyāya können wir nicht nur in den Spiegel schauen, sondern wir können nach und nach erfahren wie wir in den Spiegel schauen. Womöglich können wir erkennen, dass wir durch unsere Projektionen erst diese verzerrte spiegelnde Oberfläche erschaffen, in der wir die Wirklichkeit zu erkennen glauben. Wenn unser Geist schließlich ruhiger und sanfter wird, dann kann diese Oberfläche klarer und durchscheinender werden. Diese innere Stille erlaubt uns einen Blick hinter den Spiegel unseres ‚Ichs“. Und es könnte sein, dass dort niemand mehr ist, der blickt…

* Erst lange Zeit nach ihrer Entstehung wurden die Veden schriftlich festgehalten. Stattdessen wurden sie durch svādhyāya in Form möglichst exakter Rezitation der heiligen Worte erhalten und weitergegeben. Hierin wurzelt auch die Praxis der Mantra-Rezitation, wie zum Beispiel der pranava japa, also das OM-Chanten. Dabei wird das Mantra wortgetreu wiederholt, während der Geist in dessen Bedeutung verankert wird. Nicht um darüber nachzudenken, sondern um eine meditative Resonanz zu erzeugen. Die Taittiriya Upanishad, die Teil des Yajur Veda ist, weist zudem darauf hin, dass es bei svādhyāya nicht nur darum geht die Texte zu studieren, sondern auch sie weiterzugeben und anderen zu vermitteln, was man selbst gelernt hat.

svādhyāya ist neben tapas und īśvarapraṇidhāna einer von drei Aspekten des sogenannten kriyā yoga, mit dem Patañjali den Weg der spirituellen Praxis (sādhana pada) in seinen Sutras II.1 und II.2 einleitet und der wiederum eng mit prāṇāyāma verbunden ist.