Achtsamkeitspraxis Blog Prāṇāyāma

Natürlich atmend Kontrolle abgeben (prakṛt prāṇāyāma)

Wenn wir uns intensiver mit der Atempraxis des prāṇāyāma beschäftigen, besteht ein wesentlicher erster Schritt darin, mit unserer Aufmerksamkeit achtsam unserer natürlich fließenden Atmung zu folgen, und zwar ohne diese willentlich zu beeinflussen. Diese Form des entspannten Atemgewahrseins wird auch prakṛt prāṇāyāma genannt, ein Begriff aus der Schrift „Shiva Yoga Deepika“ (ca. 12 Jhd. n. Chr.). Das Wort prakṛt bedeutet etwa „auf natürliche Weise“.

Unsere Atmung nicht zu beeinflussen, sobald wir uns ihrer bewusst werden, ist gar nicht so einfach und für die meisten von uns eine ziemlich große Herausforderung. Denn viele von uns definieren sich geradezu über das was wir tun.

Was geschieht mit uns, wenn wir diesen aktiven Anteil einmal loslassen? Werden wir unruhig, unsicher oder bekommen wir gar Angst, wenn wir nichts weiter tun als zu beobachten? Was wird aus unserem Selbstbild, das wir so sorgsam pflegen, wenn wir nichts mehr leisten, kontrolliert festhalten und stattdessen mehr loslassen? Wer sind wir, oder was zeigt sich, wenn wir keine „Macher“ mehr sind?

Meistens versuchen wir mit unserem Aktionismus eine innere Anspannung zu regulieren. Sie entspringt unserem existenziellen Selbstzweifel (wer bin „ich“?) beziehungsweise der Idee noch nicht zu genügen, so wie wir sind. Überall lauern diese Gedanken, die mit „ich sollte doch…“ oder „ich müsste eigentlich…“ beginnen: Mich mehr anstrengen, schneller, stärker oder perfekter sein, es allen Recht machen… Doch bei dem Versuch uns immer weiter zu optimieren, stellen wir nur fest, dass es seltsamerweise nie genug ist. Also versuchen wir nicht nur uns selbst stärker zu kontrollieren, sondern auch das was um uns herum geschieht. Und dabei erleben wir, dass wir letztlich nur sehr wenig kontrollieren können. So geraten wir leicht in einen inneren Kampf, der schließlich zu einem Kampf mit der Welt wird, in die wir unseren Selbstzweifel und unsere innere Unruhe projizieren. Unser Bemühen erzeugt Trennung wo wir eigentlich Verbundenheit suchen. Und unser Versuch das Problem unserer Anspannung durch mehr Aktivität und Kontrolle zu lösen, führt zu noch größerer Anspannung…

In meiner Atempraxis stoße ich immer wieder auf diesen Mechanismus meines Geistes. Sobald ich mir meiner Atmung bewusst werde, wartet da auch schon ein Gedanke, der mich auffordert es doch noch etwas besser zu machen: Kann ich nicht noch tiefer und vollständiger atmen? Berücksichtige ich wirklich schon alle Lungenbereiche? Und ist es mir nicht möglich weniger oft pro Minute zu atmen? Sollte ich nicht doch schon die ein oder andere gezielte Atemtechnik einsetzen? Kann ich anspruchsvolle prāṇāyāma-Techniken nicht noch besser umsetzen?

Ich habe oft erlebt, wie sich während meiner Versuche meine prāṇāyāma-Praxis zu perfektionieren, meine Atemmuskulatur in kürzester Zeit verspannte: Mein Zwerchfell verkrampfte sich so sehr, dass ich schließlich nur noch flach atmen konnte und meine angestrengte Stimme heiser wurde.

So wurde meine Atmung zu meiner Lehrerin: Denn tatsächlich kommt sie ganz gut ohne meine willentliche Anstrengungen aus. Sie ist in alle körperlichen, gedanklichen und emotionalen Prozesse einbezogen, und sie reguliert sich selbständig und spontan – auch ganz ohne mein Zutun und mein Wissen. Wenn ich aufgeregt nach Luft schnappe, mich glucksend freue, in anspruchsvollen āsanas keuche oder in tiefem Frieden in langen, leisen und pausierten Atemzügen verweile – sie ist für mich da, ohne dass ich jeden Atemzug durchdenken, entscheiden oder irgendwie „machen“ müsste. Laufend findet ohne meine Zutun Veränderung statt, mein Körper sorgt für sich selbst. prakṛt prāṇāyāma bedeutet auch dieses Wunder zu entdecken.

Wir können uns fragen: Ist denn wirklich alles was in diesem Moment in und um mich herum geschieht so falsch? Warum sollte ich anders sein, als ich es in diesem Augenblick bin? Wer sollte mich dazu zwingen mich zu verspannen? Kann ich damit vertraut werden, dass die Dinge ihren Lauf nehmen, ohne dass ich die Instanz sein muss, die andauernd alles kontrollieren will, sich immerzu anstrengen muss, Entscheidungen treffen muss, die sich für den Lauf der Dinge verantwortlich fühlt? Gibt es wirklich einen Grund gerade anders zu atmen als ich es tue? Brauche ich zum Beispiel in dieser vinyasa und in diesem Augenblick wirklich die ujjāyī-Atmung? Oder ist das nur ein Anspruch und eine Idee, die meinem unfreien Ich entspringt und meiner Idee noch nicht zu genügen?

prakṛt prāṇāyāma bedeutet unsere unwillkürliche Spontanatmung natürlich fließen zu lassen und wahrzunehmen, wie sie sich je nach Befinden und Situation fortwährend verändert und auf verschiedene Anforderungen reagiert. Das durchschnittliche Atemzugvolumen (das sogenannte „Tidalvolumen“) liegt bei einem Erwachsenen während der selbstständigen Ruheatmung gerade mal bei ca. 0,5 – 0,8 Liter. Mal ist unsere natürliche Atmung aber auch tiefer, mal noch flacher, mal atmen wir verstärkt über unser Zwerchfell gefühlt in den Bauch, dann wieder stärker in den Brustraum, mal weiten sich unsere vorderen Lungenbereiche stärker, manchmal die hinteren, unteren, oberen, seitlichen. Mal dauert es scheinbar unendlich lange bis in uns der nächste Impuls aufkommt wieder einzuatmen (udghāta), mal haben wir das Gefühl fast zu ersticken, wenn wir nicht sofort nach Luft schnappen. Statt unsere Atmung zu kontrollieren, bleiben wir also einfach bei unserer spontanen Atmung so wie sie in diesem Augenblick sein möchte. Wir erspüren sie in allen Facetten, ohne sie zu bewerten, zu beeinflussen und zu verändern. Ganz so wie wir mit einem guten Freund umgehen würden.

Wenn wir diesem Atemfluss sanft folgen, können wir unsere Sensibilität für unsere inneren Vorgänge verfeinern, etwas das weit über unsere Atmung im engeren Sinne hinausgeht.

Später, wenn wir vertraut mit unserer Atmung (mit uns!) geworden sind, freundschaftlich mit ihr umgehen, sie sanft umarmen und uns von ihr umarmen lassen, kann so etwas wie ein gemeinsamer Dialog, ein Tanz unseres Bewusstseins und unserer Atmung beginnen. Es kann sein, dass sich die Atmung von alleine verändert, einfach nur weil wir ihr unsere ganze Aufmerksamkeit schenken. Und wir können dessen gewahr werden, dass die veränderte Atmung wiederum Einfluss auf die Bewegungen unseres Geistes haben mag. Die Veränderungen geschehen ganz einfach und gemeinsam. Auf diesem Weg gelangen wir von prakṛt prāṇāyāma wie von alleine, ganz ohne Zwang oder aktive Anstrengung, zur vollständigen Atmung.

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