Blog Philosophische Inspirationen yama & niyama

Der Weg durch die Glut (tapas)

Viele Menschen kennen das tiefe innere Bedürfnis sich zu entwickeln und zu wachsen. Dafür brauchen wir die Bereitschaft und Fähigkeit all unsere Energien zu bündeln, uns voll und ganz auf das auszurichten, was uns am Herzen liegt – und die Hitze und Wachstumsschmerzen auszuhalten, die dabei womöglich entstehen. Dafür steht der niyama tapas, der sich vom Sanskritwort tāpa ableitet, was soviel wie Glut oder Hitze, aber auch Schmerz und Pein bedeutet.

Auch die Achtsamkeitspraxis erfordert es, dass wir uns ihr entschlossen, gewissenhaft und engagiert widmen, auch wenn es dabei zuweilen heiß zugehen kann. Und wir tun das, weil wir erfahren haben, dass uns der Weg durch die Glut zur Quelle führen kann und es uns gut tut. (Menschen, die sich für langjährige Paarbeziehungen entscheiden, ist das längst klar…)

tapas meint nicht das Strohfeuer, das beim kleinsten Windhauch wieder verlöscht. Um unser inneres Feuer zu erhalten und die Glut zu konzentrieren, fachen wir sie beständig und rhythmisch an: Selbst wenn wir lieber im Bett liegen bleiben würden und keine große Lust auf Praxis haben und auch wenn wir immer wieder mal glauben zu „scheitern“, so hält aus der Respekt vor uns und unserem Potenzial bei der Stange. Da wir im Laufe der Zeit immer besser wissen wofür wir das auf uns nehmen und unsere Praxis Früchte trägt, wird es einfacher die Glut kontinuierlich auf eine sanfte Weise zu erhalten, in der sie heiß aber zugleich still in sich ruhen kann.

tapas ist Selbstdisziplin, die aus Freude erwächst. Die Bereitschaft uns ganz und gar einzubringen, entspringt unserer Begeisterung dafür zu wachsen und unserer Überzeugung, dass das möglich ist. Etwas, das in anderen Kontexten als „growth mindset“ bezeichnet wird. Wir disziplinieren nicht unsere „Unzulänglichkeit“, sondern unsere üblichen Ausflüchte und Ablenkungsmanöver, die verhindern, dass wir wacher werden. Eine Achtsamkeitspraxis, die turch tapas geprägt ist, kann großen Spaß machen, lustig und unterhaltsam, berührend und liebevoll sein. Doch das ist nicht immer so. Manchmal gilt es die Hitze auszuhalten und etwas anzunehmen, das alles andere als angenehm ist: Das kann die Anstrengung, der Dehnungsschmerz oder auch ein anderes starkes Gefühl in der körperlichen Praxis von āsana sein. Womöglich sind es unsere ungeliebten Seiten, mit denen wir uns in der Meditationspraxis vertraut machen, unsere Müdigkeit, weil wir für die Praxis früh aufstehen oder tagelange Schweigephasen und das damit einhergehende Auf-sich-geworfen-Sein, wenn wir in Retreat gehen. Dabei kann es sehr hilfreich und tröstend sein, wenn wir nicht alleine sind, sondern in einer Gemeinschaft üben.

Der Vollständigkeit halber: In manchen Traditionen wird tapas sehr konsequent, fast schon mit „Feuereifer“ ausgelebt. Das kann äußerlich in extremer Askese, selbstgewählter Armut, körperlicher Kasteiung, dem Rückzug in eine Höhle oder auch dem Verzicht auf andere Sinnesfreuden zum Ausdruck kommen. Die alten Yogis wurden auch „tapasvins“ genannt, die willensstarken Asketen, weil sie versuchten ihre Sinne und Körperfunktionen vollständig zu  kontrollieren. Es mag ja irgendwie beeindruckend sein, wenn jemand auf einem Nagelbett schlafen, seinen Arm über Jahre in die Höhe strecken kann oder jahrelang in einer dunklen, feuchten Höhle vor sich hinschimmelt…

Doch letztlich geht es nicht um irgendwelche äußeren Ausprägungen, sondern darum, ob die Disziplin unserer üblichen inneren Unfreiheit entspringt – oder einer freundlichen Idee von Wachstum. Eine Glut, die in ein wildes Feuer umschlägt und sich ungebremst ausbreitet, birgt auch die Gefahr alles zu verbrennen. Diese Flammen heißen Angst, Gier, Wut und Gewalt.

Wir können unsere Achtsamkeit daher auch nutzen, um unsere Praxis zu erforschen: Wird sie zwanghaft und perfektionistisch? Überwiegen dabei meine unfreien Gedanken von „ich müsste und ich sollte“? Bestrafe ich mich selbst? Versuche ich es gewaltsam, zum Beispiel wenn ich mich in einem āsana verletze? Bin ich rigide geworden und lasse mich von den Anleitungen beherrschen? Befinde ich mich in einem ehrgeizigen Wettbewerb, in dem ich zeigen will, dass ich die/der engagiertere Praktizierende bin? Dann ist das nicht tapas, sondern einfach nur der übliche Kontrollfreak in uns…

tapas ist kein Selbstzweck. Auch wenn wir engagiert handeln, so bleiben wir doch achtsam, sanft und tun uns und anderen keine Gewalt an. Wir setzen unsere Praxis bestimmt und zugleich gleichmütig fort, sowohl im Angesicht des „Versagens“ als auch des „Erfolgs“, ohne uns an die Aussicht auf eine Belohnung zu klammern. Anderenfalls würden wir durch übertriebenes tapas nur die gedanklichen Irritationen und Störungen fördern, die wir durch unsere Praxis erkennen und zum Erliegen bringen wollten.

Wen es interessiert: tapas zählt neben svādhyāya und īśvarapraṇidhāna zum sog. kriyā yoga, auch als „Yoga der Tat“ bezeichnet. Damit leitet der Yoga-Weise Patañjali den Weg der spirituellen Praxis, den sādhana pada, in seinen Sutras ein (II.1). kriyā yoga wird als Weg beschrieben, um die Ursachen unseres Leidens, die sogenannten kleśas zu schwächen und um den Geist überhaupt erst für samādhi vorzubereiten (vgl. Patanjali II.2). Das geschieht unter anderem indem, bildlich gesprochen, das Feuer des tapas die Keime für neues karma zu Asche verbrennt… 

Möchtest Du etwas mitteilen oder fragen?