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tapas – der Weg durch die Glut

Der niyama tapas (n) steht für die Fähigkeit unsere Energie zu bündeln, sie voll und ganz auf das zu richten, was uns am Herzen liegt und die Hitze auszuhalten, die dabei entsteht. tapas leitet sich von dem Sanskritwort tāpa ab, das Glut oder Hitze, aber auch Schmerz und Pein bedeutet…

tapas ist die dritte von fünf Richtlinien im Umgang mit uns selbst, den sogenannten niyamas, die das zweite Glied des rājayoga Patañjalis bilden.

Aus dem tiefen inneren Bedürfnis heraus uns zu entwickeln und zu wachsen, widmen wir unser inneres Feuer der Praxis, welcher Art sie auch sein mag. tapas bedeutet sich entschlossen für etwas zu engagieren, weil wir wissen, dass es gut für uns ist, auch wenn es dabei mal heiß zugehen kann. Menschen, die sich für langjährige Paarbeziehungen entscheiden, ist das längst klar, aber auch die Yogi*nis glauben, dass der Weg durch die Glut sie zu ihrer Quelle führen kann…

tapas ist kein Strohfeuer, das beim kleinsten Windhauch wieder verlöscht. Um die Glut zu erhalten und zu konzentrieren, fachen wir sie beständig und rhythmisch an: Selbst wenn wir lieber im Bett liegen bleiben würden und keine große Lust auf unsere Praxis haben und auch wenn wir immer wieder mal glauben zu „scheitern“, so machen wir aus Respekt vor uns und unserem Potenzial weiter. Denn nur so kann unsere Praxis schließlich Früchte tragen. Da wir im Laufe der Zeit immer besser wissen wofür wir das auf uns nehmen, wird es einfacher die Glut kontinuierlich auf eine sanfte Weise zu erhalten, in der sie heiß aber zugleich still in sich ruhen kann.

tapas ist Selbstdisziplin aus Freude. Die Bereitschaft uns ganz und gar einzubringen, entspringt unserer Begeisterung dafür zu wachsen und unserer Überzeugung, dass das auch möglich ist. Wir disziplinieren nicht unsere „Unzulänglichkeit“, sondern unsere üblichen Ausflüchte und Ablenkungsmanöver, mit denen wir verhindern, dass wir in eine tiefere Wahrheit erwachen können. Die Praxis kann großen Spaß machen, lustig und unterhaltsam, berührend und liebevoll sein. Doch das ist nicht immer so. Manchmal gilt es die Hitze, die durch tapas entsteht, auszuhalten und etwas anzunehmen, das alles andere als angenehm ist: Das kann die Anstrengung, der Dehnungsschmerz oder auch ein anderes starkes Gefühl in einem āsana sein. Vielleicht sind es auch unsere ungeliebten Seiten, mit denen wir uns in der Meditationspraxis vertraut machen, der Hunger der beim Fasten aufkommt, unsere Müdigkeit, weil wir für die Praxis so früh aufstehen oder das tagelange Schweigen und das auf-sich-geworfen-sein, wenn wir in Retreat gehen. Dann kann es hilfreich sein, wenn wir nicht alleine sind und auch bei allen anderen der Schweiß auf die Matte tropft.

Der Vollständigkeit halber: In manchen Yoga-Traditionen wird tapas sehr konsequent, fast schon mit „Feuereifer“ ausgelebt. Das kann sich äußerlich in extremer Askese, sexueller Enthaltsamkeit, selbstgewählter Armut, körperlicher Kasteiung, Opfergaben, dem Rückzug in eine Höhle oder auch dem Verzicht auf andere Sinnesfreuden zeigen. Als mildere Versionen von tapas gelten beispielsweise Schweigephasen, eine moderate Ernährung, freiwillige Dienste, der Verzicht auf vergängliche Vergnügungen und anderes. Die alten Yogis wurden auch „tapasvins“ genannt, die willensstarken Asketen, weil sie versuchten ihre Sinne und Körperfunktionen vollständig zu  kontrollieren und ihr ganzes Leben ausschließlich dem spirituellen Weg (sādhana) zu widmen.

Es mag ja irgendwie beeindruckend sein, wenn jemand auf einem Nagelbett schlafen, seinen Arm über Jahre in die Höhe strecken kann oder lange Zeit ohne Essen in einer dunklen, feuchten Höhle vor sich hinschimmelt… Doch letztlich geht es im Yoga nie um Äußerlichkeiten, sondern darum, ob die Disziplin gerade unserer üblichen inneren Unfreiheit entspringt – oder einer freundlichen Idee von Wachstum. Eine Glut, die in ein wildes Feuer umschlägt und sich ungebremst ausbreitet, birgt auch die Gefahr alles zu verbrennen. Diese Flammen heißen Angst, Gier, Wut, Gewalt… Wir können uns also selbst erforschen: Wird meine Praxis gerade zwanghaft und perfektionistisch? Überwiegen dabei meine „ich-müsste-sollte-Gedanken“? Bestrafe ich mich selbst? Werde ich gewalttätig mir selbst gegenüber, zum Beispiel indem ich mich in einem āsana verletze? Bin ich streng oder gar fanatisch geworden und lasse mich nur von den Regeln beherrschen? Befinde ich mich in einem ehrgeizigen Wettbewerb, in dem ich zeigen will, dass ich die/der engagiertere Yogi*ni bin? Dann ist das nicht tapas, sondern einfach nur der übliche Kontrollfreak in uns…

tapas ist kein Selbstzweck und steht nicht für sich alleine. Auch wenn wir engagiert handeln, so bleiben wir doch achtsam, sanft und tun uns und anderen keine Gewalt an – ahiṃsā. Wir setzen unsere Praxis fort, sowohl im Angesicht des „Versagens“ als auch des „Erfolgs“ und klammern uns nicht an die Aussicht auf irgendeine Belohnung.  Diese Form des Gleichmuts und des Loslassens wird vairāgya genannt, und sie bildet die andere, ebenso wichtige Seite von abhyāsa, der regelmäßigen Praxis. Anderenfalls würden wir durch übertriebenes tapas nur die gedanklichen Irritationen und Störungen fördern, die wir durch unsere Yogapraxis eigentlich zum Erliegen bringen wollten.

Übrigens ist tapas neben svādhyāya und īśvarapraṇidhāna einer von drei Teilen des sogenannten kriyā yoga, des „Yoga der Tat“. Damit leitet Patañjali den Weg der spirituellen Praxis, den sādhana pada in seinen Sutras ein (II.1). kriyā yoga wird als Weg beschrieben, um die Ursachen unseres Leidens, die sogenannten kleśas zu schwächen und um den Geist auf samādhi vorzubereiten (vgl. Patanjali II.2). Das geschieht unter anderem indem das Feuer des tapas die Keime für neues karma zu Asche verbrennt… 

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