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pratyāhāra – von Sinnen

Unsere Sinne flitzen für gewöhnlich wie neugierige verspielte Hunde hierhin und dorthin und entdecken überall kleine „Sensationen“. Unaufhörlich erforschen sie unsere Welt, bringen uns etwas und fragen, wie nun damit umzugehen sei. Dank dieser nützlichen Helfer sind wir überhaupt erst in der Lage zu überleben: Wir können uns in der Welt und in unserem Kröper orientieren, erkennen Gefahren, sehen Essbares, erfahren körperlich Liebe und so vieles mehr. Weshalb also gibt es im Yoga, unter anderem im berühmten rajayoga Patanjalis, die spirituelle Disziplin von pratyāhāra, die häufig auch (ungenau) als der „Rückzug der Sinne“ übersetzt wird?

Im Yoga werden unsere Sinne auch als indriyas bezeichnet, was soviel bedeutet wie ‚zu dem mächtigsten aller Wesen, dem König der Götter gehörend‘. Unterschätzt werden sie also offensichtlich nicht… Denn aus Sicht des Yoga sind unsere Sinne lebensnotwendige Instrumente, um sich in der stets wandelnden Welt zu bewegen. Viele Übungen des Hatha Yoga nutzen darüber hinaus gezielt unseren Körper und damit auch sinnliches Feedback für die sprituelle Praxis. Gleichzeitig gelten sie jedoch als unzuverlässig, wenn es darum geht eine höhere Realität zu erfahren.

Um das besser nachvollziehen zu können, lohnt es sich das yogische Verständnis unserer Sinne einmal genauer zu betrachten. Die Sinne werden auch mit zehn Toren im Haus unserer Existenz verglichen. Genau, zehn! Wie setzen sich diese zusammen?

Zu den Eingangstoren zählen unsere fünf klassischen Sinnesorgane, die jñānendriyas genannt werden: Die Augen (caksu), die Ohren (srotra), die Nase (ghrana), die Zunge (rasana) und unsere Haut (tvak). Unzählige Signale senden die Rezeptoren dieser Sinnesorgane jede Sekunde an das Zentrale Nervensystem in unserem Gehirn und Rückenmark („Afferenzen“). Unsere Sinneswahrnehmung hat die Tendenz sich nach außen zu orientieren, um uns so mit möglichst vielen Informationen zu versorgen. Wobei sich „außen“ hier einfach nur auf alle wahrnehmbaren Objekte bezieht, die genauso außerhalb wie auch innerhalb unseres Körpers liegen können. Die jñānendriyas wiederum sind mit fünf subtileren Elementen unseres sensorischen Geistes manas verbunden, den sogenannten tanmatras: Sichtbares bzw. wörtlich die Form (rupa), Geräusch (sabda), Geruch (gandha), Geschmack (rasa) und Fühlen (sparsa).

Zu den Sinnen werden im Yoga aber auch fünf Handlungsorgane bzw. -fähigkeiten gerechnet. Sie sind so etwas wie die Ausgänge in unserem Haus, die karmendriyas genannt werden: Darunter fallen traditionell unsere Hände bzw. das Greifen und Gestalten, unser Mund und Stimmapparat bzw. das Sprechen und Schlucken, unsere Beine bzw. das Gehen und Bewegen, unsere Genitalien bzw. die Fortpflanzung und unsere Ausscheidungsorgane mit ihren entsprechenden Funktionen. Auch neurophysiologisch betrachtet empfängt unser Zentrales Nervensystem ja nicht nur Signale, sondern es sendet ebenso Signale aus („Efferenzen“). Diese lösen körperliche Prozesse aus, die unter anderem unsere motorischen und vegetativen Körperfunktionen regulieren.

Die Differenzierung zwischen jñānendriyas, also Sinnesorganen, und tanmatras, also den geistigen Produkten der Sinnesreize, scheint mir recht raffiniert zu sein. Denn durch die Zuordnung der tanmatras zum Geist manas wird deutlich, dass wir nicht einfach innerlich 1:1 abbilden und erleben was außen stattfindet, sondern dass unsere Wahrnehmung immer von unserem Geist beeinflusst und vermittelt wird. Oder mit anderen Worten: Die äußere Welt wird in uns neu gebildet.

So betrachtet ist es vielleicht weniger verwunderlich, dass in einigen Yogatraditionen auch unser sensorischer bzw. instinktiver Geist manas als elftes, inneres Sinnesorgan gezählt wird. Ob nun ein eigenständiger Sinn oder nicht – in jedem Fall gilt manas als eng mit den anderen zehn Sinnesorganen verbunden. Um im Bild zu bleiben, kann man diese Funktion unseres Geistes auch wie einen Torwächter betrachten, der acht gibt wer in das Haus eintreten darf und wer es verlässt. Die Sinne ließen sich auch mit Bediensteten im quirligen Betrieb unseres Lebens vergleichen, die unserem koordinierenden Geist manas zuliefern und wieder Aufträge von ihm erhalten. Der rājayoga Patañjalis ist stark von der sāmkhyā-Philosophie inspiriert, in der manas einen Teil unseres gesamten Geistesvermögens und damit unseres inneren Instruments antaḥkaraṇa darstellt. Aus Sicht dieses Modells kann unsere sinnliche Wahrnehmung der Wirklichkeit auf sehr unterschiedliche Weise durch manas beeinflusst werden. Denn was wir erleben ist stark davon abhängig mit welchen „Voreinstellungen“ unser niederer Geist manas die Sinneseindrücke verarbeitet. Über ihm stehen die höheren geistigen Funktionen des Egos ahaṃkāra sowie die tiefere Erkenntnisfähigkeit buddhi. Wird manas zum Beispiel eher von unseren saṃskāras gelenkt, also unseren Ego-Mustern und unbewussten Prägungen aufgrund vergangener Reize, so wird unsere Wirklichkeitserfahrung eine ganz andere sein, als wenn ihn weise buddhi-Anteile instruieren. Diese Voreinstellung unseres Geistes wird in der Wahrnehmungspsychologie auch „Priming“ genannt.

Aus Sicht des Yoga können wir also sowohl Einfluss darauf nehmen was und wie wir sinnlich wahrnehmen, als auch darauf was diese Sinneseindrücke wiederum in uns auslösen. Das ist allerdings davon abhängig wie geübt wir im Umgang mit unserem Geist sind.

Oft scheint es nämlich, als seien wir unseren Sinnen einfach ausgeliefert. Wir sehen eben was wir sehen, hören was wir hören, riechen was wir riechen und so weiter.

Doch ist das wirklich so? Was liefern uns unsere Sinne, wenn wir beispielsweise Hunger haben? Eventuell wird uns eher Essbares auffallen, leckere Düfte uns das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen und vielleicht sind unsere Beine auch schon schnurstracks unterwegs zur nächsten Nahrungsquelle. Sind wir verliebt, so wird uns jede Berührung und ebenso jede Zurückweisung der begehrten Person besonders stark auffallen und mehr in uns auslösen, als wenn uns Unbekannte auf der Straße nicht beachten. Glauben wir nicht liebenswert zu sein, so werden wir womöglich viel Geringschätzung in einer unfreundlichen Welt erleben. Sind wir wütend, so werden wir mehr Aggressivität um uns herum entdecken. Bewegen wir uns halb blind und ängstlich in einem dunklen Wald, so wird jedes kleine Geräusch hundertfach verstärkt in unseren Ohren klingen und vielleicht werden wir die Schemen von Ungeheuern erahnen, die noch nie zuvor gesehen wurden… Andere Reize wiederum, die nicht in Resonanz mit unserer inneren Einstellung treten, werden kaum die Schwelle unserer bewussten Wahrnehmung nehmen, selbst wenn wir sie als sensorisches Signalrauschen empfangen haben. Unser Geist ist scheinbar immerzu in der Welt und den Zeiten unterwegs is. Er springt auf bestimmte Sinnesreize an, schwelgt in schönen Erinnerungen oder projiziert sorgenvoll in die Zukunft – und entsprechend erleben und handeln wir.

Auf diese Weise schaffen und re-inszenieren wir immerzu eine bestimmte Form unserer eigenen Realität.

Unsere Sinne sind zwar sehr nützlich, aber sie sind gleichzeitig nicht verlässlich. Sie spielen uns Streiche, lassen sich von früheren Erfahrungen ebenso wie von optischen Tricks täuschen, vermischen sich im Falle von Synästhesien und so weiter. Und ganz besonders wenn es darum geht eine tiefere Wahrheit zu erkennen, wie zum Beispiel unser höheres Selbst, so neigen sie dazu uns eher abzulenken, wenn sie unsere Aufmerksamkeit jederzeit auf die Attraktionen weltlicher Aspekte ziehen können.

pratyāhāra, das fünfte Glied des berühmten aṣṭāṅga pada Patanjalis, bedeutet nicht, dass wir auf unsere Sinne verzichten sollen. Es geht nicht darum sich in ein Vakuum der Sinnesreize zurückzuziehen und allen äußeren Einflüssen aus dem Weg zu gehen. Das wäre auch nicht besonders sinnvoll. Denn selbst wenn wir uns äußerlich isolieren und zurückziehen, so produziert unser Körper selbst noch unendlich viele Reize, derer wir uns umso mehr gewahr werden, je ruhiger und achtsamer wir werden. Und genauso wenig geht es darum unsere Sinne möglichst absterben zu lassen, zu erblinden, taub zu werden oder unseren Geschmackssinn zu verlieren. pratyāhāra ist eher eine geistige Übung, bei der wir uns der Sinnesreize gewahr sind, aber nicht mehr auf sie reagieren müssen.

Das traditionelle Bild für pratyāhāra ist die Schildkröte, die ihre Gliedmaßen und ihren Kopf in ihren Panzer zurückzieht. Ähnlich können wir auch mit unserem Geist verfahren:

Obwohl wir Ohren haben, müssen wir sozusagen nicht auf alles hören, was man uns sagt. Unser Geist nimmt zwar alles wahr, aber er meistert diese Erfahrungen, indem er nicht am Wahrgenommenen anhaftet, sich nicht damit identifiziert. Stattdessen bleibt das Erfahrbare gewissermaßen abstrakt.

So können wir beispielsweise lernen in meditativer Versenkung zu verweilen, selbst wenn draußen lauter Baustellenlärm ist oder das Telefon klingelt. Das lernen wir, indem wir immer wieder zum Objekt unserer Meditation, wie zum Beispiel dem Atem, zurückkehren. Aber wir können diese Fähigkeit auch noch auf andere Weise schulen.

Die Praxis von pratyāhāra

Die Praxis von pratyāhāra ist ein seltsames Zwischending, denn sie bewegt sich zwischen den inneren und äußeren Aspekten des Yoga. Als fünftes Glied des aṣṭāṅga pada bildet es ein Bindeglied zwischen den eher äußeren bzw. handlungsorientierten Praxisanteilen von yama, niyama, āsanaprāṇāyāma und der stärker nach innen gerichteten Praxis von samyama (dhāraṇā, dhyāna und samādhi). Teilweise wird gesagt, dass pratyāhāra sich eher von alleine einstellt, zum Beispiel durch eine solide Praxis der yamas und niyamas oder auch besonders durch die Praxis von prāṇāyāma. Teilweise wird pratyāhāra aber auch als eine willentliche Form der Aufmerksamkeitslenkung betrachtet. Womöglich sind beide Interpretationen richtig, denn letztlich geht es um die Art der inneren Verarbeitung unserer äußeren Wahrnehmungsreize.

Dabei kann es helfen, wenn wir uns unserer zehn Sinne und ihrer Funktionsweise erst einmal im Einzelnen bewusst werden und jeden Sinn ganz auskosten. Wir können mit unseren mächtigsten indriyas beginnen und nach und nach allen Sinnen unsere ganze Aufmerksamkeit schenken, zum Beispiel in entsprechenden Meditationen.

Es kann auch interessant sein zu differenzieren und herauszufinden welche Sinne uns in welchen Situationen ganz besonders „anspringen“. Wir können beobachten was uns stark anzieht oder abstößt (vgl. die leiderzeugenden kleśas rāga und dveṣa) und was uns somit leicht (ab-)lenken kann. Vielleicht lernen wir in diesem Verweilen mit uns und unseren Sinnen auch etwas darüber weshalb uns etwas so fasziniert oder stört. Pema Chödrön schrieb einmal: „Meditieren wir über unsere Sinneswahrnehmungen (…), so hilft uns das zu erkennen, dass selbst die kleinsten Dinge und dazu bringen können, innerlich in den Krieg zu ziehen. Oder eine Sinneswahrnehmung bringt uns dazu (…) in einer Phantasiewelt zu leben. Die Sinneswahrnehmungen können uns zeigen, wie wir im Grunde unser eigenes Leiden erzeugen, weil wir es der einfachsten Wahrnehmung erlauben, Erinnerungen wachzurufen, die dann zu schwierigeren Emotionen eskalieren können.“ (In: Meditieren. Freundschaft schließen mit sich selbst, 2013)

Doch wir können lernen auf bestimmte Reize, die uns sonst üblicherweise stark triggern, nicht mehr zu reagieren bzw. sie nicht auszuagieren. Dadurch kann sich ein Gefühl der Gleichwertigkeit der Eindrücke einstellen, das es uns erleichtert zu akzeptieren was gerade gegeben ist.

Nach und nach können wir üben mit allen Sinne gleichermaßen präsent zu sein und uns eine Art panoramisches Gewahrsein aller wahrnehmbaren Phänomene erlauben. Denn die Lebendigkeit unserer Sinne kann uns ebenso ganz unmittelbar in die Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks führen.

Anfangs wird es womöglich kaum auszuhalten sein nicht auf die verlockenden (oder abstoßenden) Angebote zu reagieren. Vielleicht werden wir sogar die Erfahrung machen, dass unsere neugierigen Hündchen zu reißenden Bestien werden können, beispielsweise wenn uns etwas Angst macht oder ein sehr attraktives Wesen unsere Bahn kreuzt… Die Praxis von pratyāhāra erfordert daher einerseits Ausdauer (tapas) als auch ein gewisses Maß an sanftem Gleichmut (vairāgya). Wir kehren einfach immer wieder zurück, wenn unsere Sinne unseren Geist davongetragen haben, ohne uns das vorzuwerfen. Die Arbeit mit unseren Sinnen kann sich als ziemlich anspruchsvoll herausstellen, uns schließlich aber auch Momente des tiefen Friedens bescheren, in denen nichts mehr unser Gleichgewicht stören kann. Nach und nach verlieren sie ihre Kraft unsere Aufmerksamkeit abzuziehen, wenn wir das nicht möchten, und so wird unser Geist zentrierter und freier.

Und so kommen wir vielleicht an den Punkt, an dem wir nicht mehr nur auf das „was“ unserer Sinne schauen, sondern fragen, wer das ist, den da etwas stört oder anzieht…

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