Blog Philosophie yama & niyama

īśvarapraṇidhāna – so Gott will

„Lieber Gott, lass die kranken Menschen wieder gesund, und die traurigen wieder froh werden.“

Mit diesem Kindergebet ging ich als kleiner Junge Abend für Abend ins Bett. Solche Wünsche ähneln nicht nur der buddhistischen maitri-Meditation der liebevollen Güte („mögen alle Wesen gesund, sicher, glücklich und frei sein“), sondern sie zeugen auch von meinem kindlichen Vertrauen in eine höhere Macht, die herkunftsbedingt eher christlich geprägt war.

„Gott ist tot. (Nietzsche)

Nietzsche ist tot. (Gott)“

Mein persönlicher Gott musste im Laufe meines Lebens so einige Wandlungen durchmachen. Erst war er der typische gütige ältere Herr, hin und wieder war er auch schon mal tot, dann wurde er zu einem geschlechtslosen Zwitterwesen, später zu einer alles durchwirkenden Energie… Obwohl er/sie/es heute keinen Namen mehr hat und für mich nicht mehr in Worten beschreibbar ist, so ertappe ich mich doch immer noch manchmal dabei mit so einer Art von kindlichem Gottesrest zu sprechen. (Mit Vorliebe, wenn ich etwas ratlos bin.) Und noch immer würde ich mich als gläubig oder vielleicht eher als ‚ahnend‘ bezeichnen.

Interessanterweise erklärt der berühmte Yogaweise Patañjali, dessen Lehre stark in der meist als atheistisch interpretierten sāmkhyā-Philosophie verwurzelt ist, die Hingabe an etwas Göttliches als eine notwendige Bedingung für die Vollendung im samādhi. Er fasst das unter īśvarapraṇidhāna (bzw. auch īshvarapranidhāna), dem fünften von fünf niyamas. Die niyamas sind Richtlinien im Umgang mit uns selbst und bilden das zweite Glied des klassischen achtgliedrigen rājayogaīśvara steht im Sanskrit für eine der allgemeinsten Bezeichnungen eines allmächtigen göttlichen Prinzips beziehungsweise für einen universalen Urgrund, und zwar unabhängig von einer bestimmten Glaubensrichtung. praṇidhāna meint Verehrung, Ehrfurcht oder auch Hingabe.

„Der Mensch denkt, und Gott lenkt. Der Mensch dachte, und Gott lachte.“

Aber Gott hin oder her, wie gerne wäre ich doch manchmal „master of the universe“: Die Menschen sollen gefälligst das machen was ich will! Meine beruflichen Ideen sollen sich verwirklichen, mein Körper soll so reagieren, wie ich das für richtig befinde, die Frau, in die ich verliebt bin, soll sich auch in mich verlieben, und überhaupt soll es nicht so viel regnen, zumindest nicht auf mich… Leider muss ich einräumen, dass dann doch öfters nicht alles so eingetreten ist, wie ich es vorausgesehen, geplant, erhofft oder auch befürchtet habe. Sehr viele meiner schönen selbstgebastelten Pläne wurden vom Leben über den Haufen geworfen. Und mein Widerstand gegen diese Entwicklungen hat für viel Frustration, Ärger, Enttäuschung und Leid gesorgt. Nachdem mein Drama wieder verblasst war und der Schmerz nachgelassen hatte, kam es allerdings öfters vor, dass ich mir später dachte: „Gott (!) sei dank, dass nichts aus meinen kurzsichtigen Plänen geworden ist!“ Manchmal erschließt sich eben erst im Nachhinein das größere Bild.

Etwas weiter gefasst kann man īśvarapraṇidhāna als Bekenntnis verstehen, dass die gesamte Vielheit der Erscheinungen durch eine größere und universellere Intelligenz als unsere eigene vereint wird. Wir können das über einen persönlichen Gottesbezug tun, wie ich das als christlich und westlich geprägtes Kind gemacht habe, wir können uns in einer ganzen Götterwelt austoben, oder wir können das auch mit einer viel abstrakteren Form von Demut und Hingabe erreichen. Dieses große Mysterium zu umarmen, bedeutet die Wichtigkeit unseres kleinen Egos und seiner beschränkten Lebenspläne zu relativieren.

„In schā’a llāh! – So Gott (oder was auch immer) will…“

Diese größere Perspektive einzunehmen, bedeutet zu vertrauen, selbst wenn wir nicht wissen was geschehen wird, Kontrolle loszulassen und Angst zuzulassen, ohne uns davon aufhalten zu lassen. Denn īśvarapraṇidhāna meint nicht uns nur noch lethargisch zurückzulehnen und an unserer eigenen Tatenlosigkeit anzuhaften, nach dem Motto: „Der Herr wird’s schon richten…“

īśvarapraṇidhāna beinhaltet zwar ein passives Moment des hingebungsvollen Loslassens, aber gleichzeitig bedeutet es auch aktives Handeln. Man könnte es auch so ausdrücken: Wir haben zwar das Recht unsere „Pflichten“ zu erfüllen, unsere Praxis zu tun, aber wir haben keinen Anspruch darauf dafür belohnt zu werden. Dieses Prinzip findet sich auch in abhyāsa und vairāgya: Die regelmäßige und beständige Praxis, die wir etwas Größerem als uns selbst widmen, das heißt ohne auf die Früchte unserer Bemühungen zu schielen.

Dahinter steht die Idee, dass nicht „wir“, also unsere Egos, die „Macher“ unseres Lebens sind. Wir können diesem Leben aber Bedeutung geben, indem wir unsere Aufmerksamkeit entsprechend lenken und das auch durch unsere Handlungen ausdrücken. Wir können zum Beispiel bewusst wahrnehmen was wir tun, ohne uns andauernd abzulenken. Wir können ganz den Geschmack unseres Essens erleben, die Eleganz von Blumen bewundern, die ausgefeilte Feinheit von Insekten betrachten, das Gefühl einer warmen Brise auf unserer Haut spüren. Wir können unsere Praxis ehren, indem wir zum Beispiel unsere Schuhe vor dem Yogastudio ausziehen, eine Kerze anzünden oder unserer Hingabe durch andere Rituale Ausdruck verleihen. Wir können uns bewusst Zeit für andere nehmen, jemanden ein Stück helfend begleiten, den Worten eines Fremden lauschen oder einem vertrauten Menschen einmal frisch zuhören, von dem wir schon zu wissen glaubten was er sagen würde. Eventuell erwächst daraus die Frage, wie unser Leben auch für andere nützlich werden kann. Denn wir können unser Tun, genauso wie unseren Verzicht, anderen Wesen oder dieser größeren Präsenz widmen. Auf diese Weise wird unser Leben im Sinne von īśvarapraṇidhāna  zu einer Art „Gottesdienst“ im wahrsten Sinne des Wortes, bei dem wir unser selbstbezügliches und eigennütziges Ego zugunsten von etwas Größerem aufgeben. Und was an dieser freiwilligen Hingabe faszinierend ist: Sie fühlt sich befreiend an…

Übrigens ist īśvarapraṇidhāna neben svādhyāya und tapas einer von drei Praxisteilen des sogenannten kriyā yoga, des „Yoga der Tat“, mit dem Patañjali den Weg der spirituellen Praxis (sādhana pada) in seinen Sutras (II.1 & II.2) einleitet und der wiederum stark mit prāṇāyāma verbunden ist. kriyā yoga wird als Weg beschrieben, um die Ursachen unseres Leidens, die sogenannten kleśas zu schwächen und den Geist auf samādhi vorzubereiten (vgl. Patanjali II.2).

kriyā yoga ist vor allem die Praxis der Yogi*nis, deren unruhiger und noch eher nach außen gerichteter Geist sehr von den guṇas rajas und tamas umhergewirbelt bzw. beschwert wird, und die durch diese Praxis nach und nach mehr sattva, im Sinne von Reinheit und Gleichmut kultivieren können.

īśvarapraṇidhāna stellt zugleich ein zentrales Moment des Bhakti Yoga der Hingabe dar (vgl. Bhagavad Gītā).

Möchtest Du etwas mitteilen oder fragen?