Blog Meditation Praxis

Meditation – honeymoon is over, baby!

Meditationsanleitungen existieren schon seit tausenden Jahren. Viele Weisheitslehren beschreiben eigene Varianten dieser Praxis, inspirierten sich aber auch gegenseitig. In meine tägliche Yogapraxis integriere ich vor allem buddhistische und auch hatha-yogische Formen der Meditation, die mir als lebendige Tradition vermittelt wurden. Es ist eine „lebendige Tradition“, da dieser Weg davon lebt, dass er gelebt, erfahren und weitergetragen wird. Es mag altes Wissen sein, auf das wir zurückgreifen, aber ohne Praxis wäre es auch nicht mehr als das: Weise Worte.

Davon gibt es da draußen sehr viele. Große und kleine Weisheitstexte. Taschenkalender, Facebook und Blogs wie dieser. Überall können wir Worte finden, die uns das Glück erklären. Und doch scheinen das bestenfalls nur Erinnerungen an etwas zu sein, das wir letztlich nur selbst erfahren können. Wenn wir unsere Zimmerwand oder unsere Online-Chronik mit Sinnsprüchen tapezieren, dann haben wir vielleicht eine schöne Tapete, aber auch nicht mehr. Diese Worte können uns inspirieren, aber genauso gut von der Erfahrung unseres aktuellen Seins ablenken. Transformation bekommen wir nicht aus zweiter Hand. Niemand kann uns den Gipfel nach unten holen, wir müssen selbst aufsteigen, wie das Krishnamurti einmal sagte, um einen großen Weisheitstexter frei zu zitieren.

Einen sehr persönlichen Pfad bietet für mich die Meditationspraxis. Jeden Tag führt sich mich aufs Neue durch die wilde Gegend meines Herzens und meines Geistes, und nicht immer bin ich mir sicher, ob ich überhaupt den Weg in Richtung Gipfel eingeschlagen habe.

Ich spreche also nicht von dem Klischee, das suggeriert „Meditation“ sei so eine Art kuschlige Komfortzone, in der man bei netter Entspannungsmusik seelig lächelnd vor sich hinträumt. Wir alle kennen diese Geschichten, dass man durch Meditation ruhiger, friedlicher und zentrierter wird. Aber wie oft hören wir, dass diese friedvollen Erfahrungen manchmal nur die Ruhe vor dem kompletten inneren Shitstorm sind?

Es kommt natürlich vor, dass ich mich während meiner Praxis glückselig und verbunden fühle, mein Atem still und leicht wird, ich mich im Flow bewege und sich alles genau richtig anfühlt, so wie es gerade ist, als sei alles ein perfektes Konzert des Universums… So erging es mir gerade zu Beginn meiner Praxis häufig.

Aber das ist nicht immer so. Bei weitem nicht. Und irgendwann kam der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste: Honeymoon is over, baby…

Die Meditationspraxis ist zwar tatsächlich transformierend, aber das fühlt sich eben nicht immer erhebend und friedvoll an, und es erschließt sich auch nicht immer von selbst. Manchmal fühlt sich das eher wie eine Expedition ins Herz der Finsternis an, und dabei kann es richtig schmutzig werden. Statt universeller Harmonie entdecke ich in diesen Phasen einfach nur ein Riesendurcheinander. Es passiert, dass plötzlich der ganze Kram über mich hereinbricht, den ich schon mein ganzes Leben erfolgreich unterdrückt habe. Manchmal merke ich sogar erst wie verwirrt ich eigentlich bin und wie tief einige leidvolle Muster sitzen… Häufig zeigen sie sich ganz unspektakulär, zum Beispiel wenn mein üblicher Perfektionismus mal wieder dazu führt, dass ich einfach die Meditationszeit mechanisch absitze, oder die Anleitung über die Erfahrung stelle, ohne dass viel dabei geschehen wäre. Bestenfalls bekomme ich am Ende der abgelaufenen Zeit noch mit, was ich da gerade (nicht) getan habe und wie zwanghaft ich mit mir umgegangen bin.

Von anderen Praktizierenden kenne ich ähnliche Geschichten. Solche Erfahrungen machen nicht immer Spaß, und es braucht Durchhaltevermögen und auch Mut unsere Dämonen aus ihren Löchern kriechen zu lassen – und nicht vor Ihnen davonzulaufen. Sie vielleicht sogar einzuladen! Um es etwas weniger theatralisch auszudrücken: Diese Dämonen sind nichts anderes als all die schlechten wie auch guten News, die unser Ego unaufhörlich sendet, unser typisches Kopfkino. Die Nachrichten, die von unserem geringen oder übersteigerten Selbstwertgefühl handeln, von unserer gerade noch glücklichen, aber im nächsten Moment unglücklichen Partnerschaft, oder eben Nicht-Partnerschaft, von unserer fremdbestimmten Arbeit, die wir doch glauben zu brauchen, von unseren schlechten oder auch instagrammäßig geschönten Ernährungs- oder Bewegungsgewohnheiten, von unserer Wut, Scham, Angst, Unzulänglichkeit, Begrenzung, Verwirrung, Zerrissenheit, Sucht, Verschlossenheit, Ungeduld, Eifersucht, Gier oder woran wir auch sonst immer leiden mögen. Es sind all die Botschaften, die wir uns über unser mal unbefriedigendes und mal rauschendes Leben erzählen. Es sind die alltäglichen Dämonen, die wir nur zu gut kennen, aber denen wir nicht gerne begegnen. Wir sehen sie allerdings viel klarer, während wir meditieren. Wir werden sichtbarer – für uns und womöglich auch für andere.

Man könnte also auch sagen, dass uns die Meditation dabei hilft bewusster zu leiden. Selbst wenn wir kein zusätzliches Drama daraus machen, so kann das bisweilen ziemlich unangenehm sein. Und in diesen Momenten kann es recht hilfreich sein, wenn wir darauf innerlich vorbereitet sind. Uns vielleicht auch durch andere unterstützen lassen. Denn sonst geschieht es leicht, dass wir einfach nur wieder das machen, was wir auch sonst so getan haben: Den ungemütlichen Erfahrungen aus dem Weg gehen, sie verdrängen und die Praxis frustriert abbrechen. Ich schaue dann zum Beispiel gerne ein paar Folgen einer Serie an, oder raffinierter, nehme ein nettes Büchlein mit Weisheiten zur Hand, like oder teile ein paar Facebook-Posts, oder ziehe mich übereifrig auf meine āsana-Praxis zurück und sage mir selbst: „Das ist wirklich genau die Art von Yoga, die ich brauche.“

Natürlich können wir das machen. Doch irgendwann kommt womöglich der Punkt, an dem wir nicht mehr dabei stehen bleiben wollen und genug davon haben immer wieder durch die gleichen Kreisläufe des Leidens zu gehen. An diesem Punkt kommen wir nicht mehr umhin, mit unseren saṃskāras umzugehen. Als saṃskāras werden im Yoga die psychischen und auch physisch eingeschriebenen Spuren unserer vergangenen Handlungen und Erfahrungen bezeichnet. Sie sind unsere gespeicherte Geschichte, die sich in der Rüstung unseres Egos und der Panzerung unseres Körpers manifestiert. Dieser „Schmerzkörper“, wie Eckhard Tolle das einmal bezeichnet hat, trennt uns letztlich von der Welt beziehungsweise der Gegenwart.

Meditation kann dabei helfen zu verstehen, auf welche Weise wir eine bestimmte Version der „Wirklichkeit“ hervorbringen, zum Beispiel eine leidvolle, und zwar immer wieder. Sie zeigt uns, zu was wir werden und was geschieht, wenn unsere Wahrnehmung durch die Projektionen unserer alten saṃskāras verzerrt wird. Sie lässt uns erkennen wer bzw. was dieses unfreie „Ich“ eigentlich ist, das uns immer wieder in die Vergangenheit schickt, selbst wenn wir über die Zukunft nachdenken… Meditation kann dazu beitragen, dass wir die Geschichten erkennen, in denen wir versunken sind.

So können wir Schritt für Schritt den verkrusteten Schmerzpanzer unserer unterdrückten saṃskāras auflösen. Das ermöglicht unseren Herzen, weich und verletzlich wie sie sind, wieder weit, berührbar und durchlässig zu werden.

Meditation kann uns die beste Zeit unseres Lebens bescheren – und genauso die schmerzhafteste. Die Praxis kann dazu führen, dass wir von einer tiefen und intuitiven Weisheit durchdrungen werden, die wir uns nicht angelesen haben, und sie kann ebenso Momente des Chaos für uns bereithalten. Aber sie wird bewirken, dass wir wacher, ehrlicher und schließlich vertrauter mit allem werden, dessen wir gewahr sind. Stückchen für Stückchen gewinnen wir so an Einsicht, dass es eine Bedingung für anhaltenden inneren Frieden ist, mit dem Augenblick zu fließen, statt unbewusst aus der Vergangenheit heraus zu handeln.

Und so wird womöglich aus dem großen Shitstorm, den wir durch die Meditation scheinbar ausgelöst, aber vielmehr erst sichtbar gemacht haben, schließlich ein Sturm im Wasserglas…


P.S.: So wunderbar Meditation als Weg ist – ich glaube nicht, dass es ratsam ist sich einfach „nur“ auf seinen Hintern zu setzen (schwer genug!). Es hilft sehr, wenn unser ganzes Sein beteiligt ist. Und so kann es eine gute Idee sein unsere Praxis auf dem Kissen zum Beispiel mit āsanas, prāṇāyāma oder einer anderen achtsamen Körperpraxis zu verbinden. Oder auch mit psychologischer Selbsterforschung (vgl. svādhyāya), mit ethischen Übungen (vgl. yamas und niyamas), mit Hingabe und Dienst für andere usw. Der Yoga bietet dafür viele Anregungen.

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