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Was ist meine Bestimmung? Vom Suchen im Wald

Im März verbrachte ich wieder einmal mehrere Tage alleine im Wald. Als ich mich auf den Weg in mein Outdoor-Retreat machte, hatte ich so gut wie alle großen Fragen im Gepäck: Lebe ich überhaupt das richtige Leben? Habe ich eine Bestimmung? Setze ich meine Energie und meine Fähigkeiten für die richtigen Dinge ein? Traue ich mir das überhaupt zu? Wäre ich bereit Sicherheiten dafür aufzugeben? Lebe ich am richtigen Ort dafür? Wie will ich in Beziehung gehen? Mit wem? Im Grunde stellte ich mir wohl einige der klassischen Svadharma-Fragen, mit denen sich auch der Held Arjuna in der Bhagavad Gītā konfrontiert sah, dem für den Yoga so wichtigen alten Text.

Schon seit einigen Monaten fühlte sich die Welt zu klein an und mein Leben zu eng. Ich spürte das starke Bedürfnis zu wachsen, etwas sollte sich verändern. Doch zugleich schien ich festzustecken und einfach nicht weiterzukommen. Mit was auch immer, denn schließlich wußte ich ja gar nicht so genau wohin es gehen könnte. Mein innerer Kompass kreiselte, meine Gedanken waren rastlos und meine Gefühle unbeständig. Mein Geist streifte zahllose Möglichkeiten, einige davon überforderten mich, andere schienen mir entweder zu gewollt zu sein oder zu sehr einem Klischee zu entsprechen. Mir fehlte es an innerer Ausrichtung und nichts fühlte sich richtig an. Was konnte ich also tun? Erstmal in meinen märchenhaften Raubritterwald mit den wilden Felsen und guten Birken flüchten, dachte ich mir. Dort hatte ich schon oft Unterschlupf gefunden…

Meine Hoffnung, im Wald einen freundlicheren und weniger überfordernden Ort zu finden, schien sich indes nicht einzulösen: Einige meiner üblichen Wege waren teilweise mit Eis überzogen und, steil wie sie waren, kaum oder gar nicht zu begehen. Mein Nachtlager, das ich draußen unter einer Felsüberdachung aufschlug, versprach ungemütlich zu werden. An einigen Felsen hingen noch dicke Eiszapfen, die Temperaturen sollten nachts unter den Gefrierpunkt fallen, und der eisige Wind kühlte mich zusätzlich aus. Tagsüber war es kaum wärmer und zudem regnete es. Das herumliegende Feuerholz war morsch und durchnässt, und ich fand kein sauberes Trinkwasser. In der Nähe hingen Schilder, die vor dem Fuchs warnten, der schon mehrere Wanderer gebissen, und der auch mich schon einmal überfallen und ausgeraubt hatte. Auch mit der Ruhe war es nicht weit her, denn Waldarbeiter zersägten in meiner Nähe mit schwerem Gerät Bäume und transportieren sie aus dem Wald heraus.

Bei dir läuft ja wohl gerade alles schief, dachte ich mir. Ich hatte meine Unruhe und Unzufriedenheit mit in den Wald genommen und wusste auch hier nicht viel mit mir anzufangen. Wie man in den Wald hineinruft… spottete eine leise Stimme in mir. Selbst an diesem magischen Ort schienen meine Energien blockiert zu sein und für meine Meditations- und Atempraxis war es mir schlicht zu kalt. Mit klammen Fingern baute ich schnell mein Nachtlager auf und frierend verkroch ich mich in meinem Schlafsack. Während der stockfinstren Nacht schneite es wieder, und im Knacken der Äste glaubte ich den nahenden Fuchs zu hören. Einerseits hatte ich Angst von ihm gebissen zu werden, andererseits wünschte ich mir sogar, dass er käme, damit endlich etwas passieren würde.

Am nächsten Morgen wachte ich verspannt, erschöpft und schlecht gelaunt auf. Und so sollte das jetzt noch tagelang hier draußen weitergehen? Oder sollte ich einfach wieder abreisen? Mit anderen Worten: Jammernd vor meiner Flucht in den Wald zurück nach Hause flüchten? Die Chancen standen gut, dass ich dadurch nur noch alles schlimmer machen würde. Was konnte ich also stattdessen tun?

Und so erinnerte ich mich an eine Erfahrung, die ich schon mehrfach während der Meditation gemacht hatte. Aus ihr ging die Erkenntnis hervor, dass mir keine noch so widrigen Umstände es nehmen können, Zuflucht bei mir selbst zu suchen. Und da verstand ich endlich, was ich tun konnte: Ich musste nichts tun. Nur die Ideen loslassen, die mir vorgaukelten, wie erfüllt mein Leben sein sollte. Ebenso wie den damit verbundenen Aktionismus. Erst so konnte ich mich aufrichtig der Situation stellen, in der ich mich gerade befand: Mir war elend zumute, ich fror, ich war müde, hungrig, unzufrieden, frustriert, zerstreut, alleine im Wald ohne Trinkwasser und von wilden Tieren umzingelt…

Erst von hier aus konnte ich wirklich losgehen.

Was war noch da?

Ich hatte die tröstliche Gewissheit Zuflucht bei mir finden zu können. Außerdem hatte ich ja noch mehr bei mir, das ich nutzen konnte. Also begann ich meine Ausrüstung zu sichten und zu sortierten. Da gab es noch mehr warme Kleidung, ein Messer, Feuerstahl, Wasserfilter, Essen, Lampen, ein Seil, und ich hatte Bücher und etwas zum Schreiben eingepackt. Es waren verhältnismäßig einfache Dinge, aber ich hatte alles was ich hier brauchte.

Zuerst stieg ich hinunter zum Fluß und füllte alle Behältnisse mit Wasser, um es später in meinem Unterschlupf nach und nach filtern zu können. Anschließend erkundete ich die Umgebung. Unter Felsvorsprüngen fand ich Zapfen und herabgefallene Äste, die einigermaßen trocken geblieben waren. Ich spaltete und zerkleinerte sie, und bekam so recht gutes Brennmaterial, das ich sorgsam aufschlichtete. Die Birkenrinde löste ich ab, um sie als Zunder verwenden zu können. Durch meine Streifzüge und die Beschäftigung wurde mir warm und so konnte ich sogar noch ohne zu Frieren das goldene Licht des Sonnenuntergangs auf einem Felsband genießen. Später entzündete ich an meinem Lagerplatz mit dem Feuerstahl ein kleines Feuer, an dem ich meine Hände wärmen, mir einen Tee kochen und Essen machen konnte. All das gab mir zusätzliche Energie. Das übrige Essen zog ich mit dem Seil die Felswand hinauf, damit es der Fuchs nachts nicht holen konnte. Und als die Dämmerung hereinbrach, kleidete ich mich noch wärmer, entzündete meine Lampen, kuschelte mich behaglich in meinen Schlafsack ein und begann zu lesen. Nun war mir überhaupt nicht mehr kalt. Zudem hatten die einfachen und sinnvollen Aufgaben meine Achtsamkeit und Konzentration geschärft, und dadurch fühlte ich mich innerlich viel aufgeräumter. Mehr musste nicht getan werden.

Am nächsten Morgen erwachte ich ausgeruht und erfrischt. Ich fühlte mich sicher im Wald. Friedlich und ruhig, wie ich nun war, wurde mir klar, dass ich in den letzten Monaten mein Glück wieder von äußeren Bedingungen abhängig gemacht hatte. Oder um genauer zu sein: Von meinen abstrakten Ideen davon, wie diese sein sollten. Von einem Job, der meine Berufung, von einer Frau, die meine Liebe, von einer Umgebung, die komfortabel sein sollte. So war ich das gewohnt. Und meine innere Unruhe und Anspannung, die aus dieser Herangehensweise entstanden waren, wurden durch meinen ziellosen Aktionismus nur noch verstärkt. Mir schien, dass ich meine großen Lebensfragen, mit denen ich aufgebrochen war, vom falschen Ende her gestellt hatte.

In den verbleibenden Tagen im Wald wurde ich immer ruhiger und meine innere Kompassnadel begann sich wieder auszurichten. Nun klangen meine Fragen anders: Wenn ich Zuflucht zu mir nehme, mich auf diese Weise sammle, wohin führt mich dann mein innerer Kompass? Und zwar in genau der Situation, in der ich mich gerade befinde? Und wenn alles schon da ist, und ich alles, was da ist, umarmen kann, mein inneres Chaos eingeschlossen, was ist dann noch ein „richtiges“ Leben? Was ist von hier aus betrachtet meine Bestimmung? Und wie werde ich meine Energien und meine Fähigkeiten einsetzen? Muss dann noch etwas getan werden, oder tue ich was eben zu tun ist?

Als ich aus dem Wald zurückkehrte, hatte ich keine konkreten Antworten auf die ursprünglichen Lebensfragen im Gepäck. Stattdessen hatte ich Zuflucht bei mir gefunden und konnte so meine Fragen anders stellen. Freudig begrüßte ich mein Leben außerhalb des Waldes. Ich war voll Tatendrang und spürte zugleich an welcher Stelle nichts zu tun war.

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