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Gefühle sind zum Fühlen da… und zum Loslassen

„Falls Ihr innerlich noch mit etwas kämpft, so lasst es jetzt ein wenig los.“

Eine fast schon klassische Yoga-Anleitung, die uns Detlev, einer meiner Lehrer, vor einiger Zeit zu Beginn einer Klasse gab.

Ein unscheinbarer Satz, leicht zu überhören. Doch erst in diesem Moment bemerkte ich, wie angespannt ich den ganzen Tag über gewesen war: Eine unruhige Nacht brachte einen trüben Morgen, der mich in einen noch unfreundlicheren Tag führte: Ich war sauer auf eine Freundin, die meine Knöpfe gedrückt hatte, und das sollte sie auch zu Spüren bekommen. In meinem Kopf spielten sich imaginäre Streitgespräche ab, bei denen ich sie davon zu überzeugen versuchte, woran ich felsenfest glaubte: „Du machst mir Vorwürfe, dabei verhältst DU Dich doch egoistisch und selbstgerecht. Du bestrafst mich, wenn ich mich nicht so verhalte wie es Dir passt. Du siehst mich gar nicht wirklich!“ Und meine heftigen Gefühle schienen mir Recht zu geben. Doch innerlich wirbelten sie mich umher wie ein Blatt im Wind, ohne dass ich recht gewusst hätte wie mir eigentlich geschah.

Der einfache Satz meines Lehrers weckte mich auf. Wie aus einem Traum kam ich wieder zu Sinnen und bemerkte wie angespannt mein Kiefer, mein Nacken, mein Bauch und meine Kampf- und Fluchtmuskeln in meiner Leistengegend waren. Wie rastlos sich meine Gedanken um sich selbst gedreht hatten. Wie feindselig ich mich meiner Freundin und auch mir selbst gegenüber verhalten hatte. Ich konnte in meinem gesamten Körper spüren wie sehr ich innerlich kämpfte.

Als ich mir die Erlaubnis gab diese Anspannung etwas loszulassen, geschah etwas Eigenartiges: Meine scheinbar so fest sitzende Wut verflüssigte sich. Sie wurde zu einer klaren und tiefen Traurigkeit, auf deren Grund ich sehen konnte wie ungenügend sich etwas in mir fühlte.

Was dem gewahr wurde, war nicht Teil dieser Traurigkeit, sondern es war mitfühlend, klar und frei. Es umarmte diese Traurigkeit genauso wie die Wut. Und es sah, dass ich meine Freundin für einen Schmerz verantwortlich machte, der viel älter war als unsere Verbindung: Ich projizierte einen alten Selbstzweifel auf sie, eine kindliche Unsicherheit, ob ich liebenswert und ‚ok‘ sei, so wie ich bin. Ich recycelte eine unerlöste Bedürftigkeit. Und nun sollte dieser Mensch, der mir so vertraut und wichtig war, gefälligst dafür sorgen, dass ich mich bestätigt fühle. Als sie das nicht tat bzw. als ich das nicht erlebte, fühlte es sich so an, als hätte sie mir diesen Schmerz zugefügt. Dabei hatte sie mich nur daran erinnert…

Doch was können wir in diesen Momenten tun, in denen uns unangenehme Gefühle zu vereinnahmen drohen? Oder anders gesagt – was können diese Momente für uns tun?

Wenn unsere unerlösten Muster übernehmen, recyceln wir altes Leiden. Unser Geist befindet sich in der Vergangenheit, während wir die Gegenwart für unseren Kummer verantwortlich machen. Wie verlockend ist es anderen dann die Schuld dafür zu geben! Allerdings bewegen wir uns dabei im Kreis, denn wir verfestigen nur unsere Vorstellungen. Nicht zu 100% die Verantwortung für unser Gefühlsleben zu übernehmen, ist eine vertane Chance.

Diese Momente bieten Gelegenheiten mit uns selbst vertrauter zu werden, indem wir allen Ereignissen unseres Geistes Raum geben. Allen Gedanken und allen Gefühlen. Nicht nur den friedvollen, sondern auch den unangenehmen, unerwünschten und widerstreitenden. Das ganze Spektrum unserer Menschlichkeit.

Diese Form der Betrachtung wird im Buddhismus die „Meditation des stillen Verweilens“ genannt, bei der wir auch Gefühle zum Objekt unserer Meditation machen können: Wir bleiben offen für alles was sich zeigt und spüren mit allen Sinnen welche Gefühle in uns auftauchen. Erlauben wir unserer Achtsamkeit noch feiner zu werden, so können wir womöglich sogar bestimmte Qualitäten von Energien ausmachen, die mit unseren Gefühlen einhergehen. Ohne unsere Geschichten zu bewerten, ohne sie zu rechtfertigen, ohne darauf zu reagieren und ohne sie auszuleben, bleiben wir bei unserer augenblicklichen Erfahrung. Und wenn unsere überwältigenden Gefühle wie ein wildes Pferd mit uns davon galoppieren, so kehren wir wieder zurück, sobald wir es bemerken und dazu in der Lage sind.

Das kann nun leicht als Übung missverstanden werden sich von allen Gefühlen zu entfernen, sie auf Abstand zu halten, zu verdrängen oder zu unterdrücken. Das ist nicht damit gemeint. Im Gegenteil.

Gefühle sind zum Fühlen da!

Unterdrücken wir sie, werden sie sich wie ein Ball, den wir tiefer unter Wasser pressen, umso kraftvoller ihren Weg nach oben suchen.

Doch wenn wir selbst unangenehme Gefühle als Hinweise Willkommen heißen, ihnen nicht aus dem Weg gehen und bei der teilweise recht schwierigen Erfahrung friedvoll verweilen, beginnen sie uns auf sehr kraftvolle und radikale Weise zu transformieren.

Damit ist nicht gemeint, dass wir die Gedanken glauben sollten, die von diesen starken Gefühlen begleitet werden. In dieser meditativen Praxis mit Gefühlen widmen wir uns ganz der Erfahrung ihrer energetischen Qualität, ohne uns von den Gedanken dahinter vereinnahmen und ablenken zu lassen. Chögyam Trungpa sagte einmal: „Gefühle sind mit Gedanken vermischte Energie.“ Wir lassen diese Gedanken los und lösen uns, zumindest für eine Weile, von der Geschichte, die wir uns üblicherweise erzählen. Darunter liegt die unverfälschte Emotion, die uns wirklich etwas lehren kann. *

Anleitung:

  1. Während wir ein- und ausatmen bringen wir unsere Aufmerksamkeit auf die Gefühle, die in uns entstanden sind und tauchen ganz in ihre Qualität ein.
  2. Wir beginnen damit ihre „Beschaffenheit“ zu erforschen: Wie ist die sinnliche Erfahrung des Gefühls? Wo und wie wirkt es sich auf den Körper aus? Wie fühlt sich diese Energie an?
  3. Wir lassen die Geschichte hinter dem Gefühl gehen. Wir gönnen uns eine Pause von dem inneren Gespräch, bis nur noch diese Gefühlsenergie spürbar ist. Sobald erneut Gedanken aufkommen, nehmen wir das zur Kenntnis und lassen sie wieder los – und bringen unsere Aufmerksamkeit wieder zur puren Erfahrung des Gefühls zurück. Die ganze Zeit über atmen wir einfach weiter und schaffen damit Raum für die Veränderungen, die entstehen.

In meiner Meditationspraxis beobachte ich unangenehme Gefühle nicht wie von außen, sondern tauche ganz in sie ein und lasse sie durch mich hindurch strömen. Wo spüre ich meine Wut in meinem Körper? Wie fühlt sie sich genau an? Welche Materialität hat sie? Welche Temperatur? Welche Form? Wie bewegt sie sich? Ist sie ein Kribbeln, ein Vibrieren, eine elektrische Spannung? Ist sie dunkel und dumpf oder scharf und gleißend? Dabei zeigt sich, dass mich diese Gefühle nicht im Kern ausmachen. Sie sind nicht fest oder substanziell. Sie sind nur Erscheinungen, die kommen und wieder gehen.

Wenn sich die darunter liegende Emotion schließlich zeigt, so bin ich mit einem anderen Teil meines Bewusstseins in Kontakt, der offen, freundlich, gütig, klar, zuversichtlich und verbunden ist. (Im Yoga würde man es vielleicht auch das höhere „Selbst“ im Gegensatz zum bedürftigen und ängstlichen „Ego“ nennen). Es ist als wäre dieses Bewusstsein immer schon da gewesen. Es sieht meine Kämpfe und die Gefühle dahinter durch und durch mitfühlend. Es verurteilt nicht. Es fühlt sich manchmal so an, als würde es diese kämpferischen und bedürftigen Anteile liebevoll in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass sie nun gesehen werden, dass sie ihren Job erledigt haben und dass die Bedürfnisse dahinter nun Raum bekommen.

Und erst in diesem Moment lassen sie mich wirklich los. Manchmal geht mit diesem Loslassen eine große Traurigkeit einher. Sie wird begleitet von Sanftmut und einem Gefühl größerer Freiheit. **

Es kann auch geschehen, dass sich dieses Bewusstsein nicht mehr so eindeutig zuordnen lässt. Es löst sich gewissermaßen und „gehört“ nicht mehr zu „mir“ als beobachtender Instanz, sondern ist mit etwas Größerem verbunden. Während längerer Meditationsphasen habe ich schon erlebt, wie „meine“ heftigen körperlichen Schmerzen erst zu Selbstmitgefühl wurden und sich schließlich weiter verwandelt haben, bis sie nicht mehr zu mir gehörten. Sie wurden auf schwer beschreibbare Weise zum Schmerz aller Menschen und daraus entsprang schließlich ein viel umfassenderes Mitgefühl…

Ein kleiner Hinweis für alle, die diese Praxis einmal ausprobieren möchten: Manchmal übernimmt unser spiritueller Perfektionismus das Ruder und versucht uns Selbst- und Nächstenliebe zu verordnen. Wir erkennen ihn daran, dass er unsere unfreundlichen Gefühle verurteilt. Dieser Impuls ist nichts weiter als ein anderer unfreier Anteil, der uns letztlich wieder in den Kampf mit uns selbst führt. Der Prozess des Erkennens und Loslassens findet wirklich auf einer ganz anderen Ebene des Bewusstseins statt. Doch keine Sorge, es erklärt sich ganz von selbst in der Praxis.

Sich gerade unangenehmer Gefühle auf die beschriebene Weise anzunehmen ist anfangs ungewohnt. Und es macht auch keinen Spaß. Zumindest mir nicht. Doch habe ich nie mehr innere Freiheit gewonnen, als wenn ich die Verantwortung für meine Gefühle voll und ganz übernommen habe. Und es gibt eine gute Nachricht: Mit der Zeit fühlt sich das weniger bedrohlich an. Es gab inzwischen sogar schon Momente, in denen ich mich über unangenehme Gefühle gefreut habe, weil sie meiner Praxis so viel Kraft verleihen.

Mögen wir allen Erscheinungen mit der gleichen Friedfertigkeit begegnen.

Mögen wir getragen sein von Mitgefühl.

Mögen wir frei sein.

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*) Byron Katies‘ „The Work“ bietet einen anderen, aus meiner Sicht ebenfalls wirkungsvollen Ansatz: Hier wird weniger die sich verändernde Gefühlsqualität ins Zentrum der Aufmerksamkeit gebracht, sondern stattdessen werden unsere starren, stressvollen Gedanken systematisch hinterfragt („is it true?“).

**) Der faszinierende therapeutische Ansatz des „Internal Family Systems“ (IFS) von R. Schwartz arbeitet systemisch mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen wie Enttäuschung, Wut, Perfektionismus, Abgrenzung etc. Dabei wird davon ausgegangen, dass unsere Ego-Anteile je nach erlebter Lebenssituation etwas für uns zu tun versuchen, zum Beispiel uns vor alten Traumata zu schützen. Dabei erzeugen sie jedoch auch neue Probleme, zum Beispiel in dem sie gewalttätig agieren. Der Ansatz geht noch weiter, indem er ein unverletzliches „Selbst“ beschreibt, das von einer Art der Achtsamkeit gekennzeichnet ist, die zugleich passiver Zeuge als auch Quelle zentrierter Aktion sein kann. Das Selbst ist kein Persönlichkeitsanteil, sondern eher eine Form eines erwachten Bewusstseins, das gelassen, mitfühlend, gütig, offen, klar, zuversichtlich, schöpferisch und verbunden ist. Ein waches und verbundenes Selbst vermag zu sehen und zu verstehen weshalb gerade ein bestimmter Ego-Anteil aktiv ist bzw. aktiv werden möchte, ohne ihn deshalb ganz übernehmen zu lassen. Diese Art des bedingungslosen Verstehens ist Liebe, die nicht verurteilt oder argumentiert. Das Selbst kann unterscheiden, ob und auf welche Weise es gerade aktiv zu werden gilt, oder ob es genügt passiver Zeuge zu bleiben. Diese Idee des Selbst hat große Ähnlichkeit mit der buddhistischen Idee von Achtsamkeit (mindfulness bzw. mindful awareness), bei der die ganze Aufmerksamkeit auf innere und äußere Erfahrungen gebracht wird.

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