Blog Philosophie Yoga-Psychologie

Es ist nur der Tod und nicht das Ende

Vor einigen Tagen wäre ich beinahe gestorben. Durch einen unentdeckten Blinddarmdurchbruch entzündete sich mein Bauchraum schwer und nur durch eine mehrstündige Not-Operation überlebte ich knapp.

Während mein Körper narkotisiert und aufgeschnitten auf einem Operationstisch lag, um mich herum ein Team von Chirurg*innen meine abgestorbenen Organteile entfernte und meine Lieben mit großer Sorge um mein Leben beteten, wurde mir eine große Gnade zuteil. Ich durfte einen Blick hinter den Schleier werfen. Dieser Schleier ist nichts weiter als die subjektive Wahrheit meines gewöhnlichen Alltagsgeistes, der sich um ein ‚Ich‘ dreht. Doch an der Schwelle des Todes verlor diese Wirklichkeit an Substanz. Das Karussell meiner unbeständigen Gedanken und Gefühle war zum Stillstand gekommen. Und in dieser inneren Stille offenbarte sich mir in großer Klarheit eine andere, weitere Wirklichkeit.

Die Begrenzungen des gewöhnlichen Geistes

In diesem Moment verstand ich, dass mein gewöhnlicher, unsteter Geist schlicht nicht in der Lage dazu ist, eine umfassendere Wirklichkeit zu begreifen. So gut er es eben vermag, versucht er mir zumindest einen kleinen Teil davon zu zeigen, eine vereinfachte weltliche Version. Dabei erzeugt er keine bloße Illusion, die abgetrennt von der Wirklichkeit wäre. Doch das Ergebnis ist unvollständig. Es ist ein bisschen so, als arbeite mein Geist wie ein Computer, der versucht einen viel zu komplexen Code auszulesen. Zumindest einen Teil der Daten vermag er zu verarbeiten und auf seine spezifische Weise darzustellen. Doch nur im Rahmen seiner Mittel wie den Sinnesorganen und einem menschlichen Gehirn. Es erinnerte mich ein bisschen an den Science-Fiction Film „The Matrix“. Im Hintergrund läuft ein gigantisches, vielschichtiges Programm, in das die Gehirne und Nervensysteme der schlafenden Menschen „eingeloggt“ sind. Sie können jedoch nicht den komplizierten Programmcode selbst erkennen, sondern ihn nur im Rahmen ihrer begrenzten menschlichen Möglichkeiten interpretieren. Und so erscheint ihnen eine letztlich reduzierte, aber doch sehr real wirkende Welt mit Menschen, Häusern, Essen, Worten, Gedanken, Gefühlen, Leben und Tod.

Die Landkarte ist nicht das Territorium

Man könnte diesen Zusammenhang von Geist und Wirklichkeit auch mit dem Verhältnis von Landkarte und Territorium vergleichen. Unser halbblinder Geist versucht aus seiner begrenzten Perspektive heraus zumindest eine vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit zu erstellen, um nicht gänzlich orientierungslos im Dunkel zu tappen. Üblicherweise schauen wir dann auf unsere recht subjektive Landkarte und verteidigen sie ängstlich als die einzige Wirklichkeit, die uns zur Verfügung steht. In dieser Welt des Nichtwissens halten wir uns für Individuen, die behaupten, sie wüßten wer sie sind und wo es lang geht. Wir tun so, als könnten wir es steuern. Wir halten uns lieber an bestimmten Orten auf und meiden andere. Wir stellen das Leben über den Tod, den wir fürchten, weil er das Ende unserer Identität und Welt zu sein scheint. Diese Lesart unserer persönlichen Landkarten wurde im Yoga übrigens sehr treffend mit den „kleśas“ beschrieben, den Hauptursachen des Leidens. Und da unsere Sicht auf die Wirklichkeit so unvollkommen und selbstbezüglich ist, leiden wir.

Bevor ich versuche darzustellen, was sich mir im Angesicht des Todes offenbarte, möchte ich zu bedenken geben, dass ich diese Erfahrung in Worten nur sehr unzureichend beschreiben kann. Das liegt einerseits an meinen beschränkten sprachlichen Fähigkeiten, aber auch daran, dass diese Wirklichkeit keine Sprache kennt und auch keiner Worte bedarf. Auch gibt es dort keinen einzelnen Beobachter, der sagen könnte „Ich habe gesehen“. Und es gilt umso mehr, da ich mich jetzt, Tage später, auf meine trügerischen Erinnerungen verlassen muss. Anders gesagt: Auch wenn ich glaube zu wissen, was ich hinter dem Schleier gesehen habe, so kann die Beschreibung dessen nicht mehr als eine vage Annäherung sein.

Was also liegt hinter dem Schleier?

Die umfassendere Wirklichkeit, quasi der dahinter liegende „Code“, der sich mir zeigte, war atemberaubend. Es erschien eine Art Organismus, der doch keiner war. Es handelte sich um eine unglaublich komplexe, fast-organische Architektur, die jedoch nur von innen heraus betrachtet werden konnte. Als würde man mit einem winzigen U-Boot durch die anatomische Innenwelt eines unendlichen Körperuniversums mit zahllosen Räumen, Gängen und Membranen reisen. Diese Strukturen wurden von einem fließenden „Gewebe“ gebildet. Es war von feinsten Mustern überzogen, die, zarten Äderchen gleich, farbig-schillernd und gleichzeitig durchscheinend waren. Alles dort pulsierte, war in ständiger Bewegung, Veränderung und Ausdehnung begriffen. Nichts war gänzlich fest oder stand still. Doch unterschieden sich einzelne Bereiche in der Schnelligkeit beziehungsweise Trägheit der Veränderungen ebenso wie in ihrer Tönung. Teilweise war das Strömen und Pulsieren sehr aktiv und dynamisch. In anderen Abschnitten war es eher ein ganz ruhiges, fast zähes Fließen, das beinahe zum Stillstand gekommen zu sein schien. Neben leuchtenden, farblich satten und strahlenden Strukturen gab es ebenso dunkle und trübe Bereiche. Was ich aus meiner weltlichen Sicht „Tod“ nenne, war mit diesen ruhigen und dunklen Bereichen verbunden. Das „Leben“ hingegen bewegte sich mehr und leuchtete stärker. Doch auch die Bereiche des „Todes“ standen nicht still. Sie bewegten sich sanft und spiralförmig. Dabei verflochten sie sich erneut mit den Bereichen des Lebens. Wie Farben, die langsam ineinander gerührt werden, sich dabei vermischen, nicht mehr voneinander getrennt werden können und schließlich weiter fließen. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Offensichtlich bildete also auch der Tod kein Ende, sondern war nur eine andere vorübergehende Erscheinung, die sich immer wieder neu mit dem Leben verband. Die Übereinstimmung mit dem yogischen Konzept der veränderlichen Natur von prakṛti und ihrer Eigenschaften, den gunas, finde ich erstaunlich.

Das Allbewusstsein

All diesen Bewegungen „überstand“ eine Art ewiges und unveränderliches Allbewusstsein. Es blieb vollkommen unbeeinflusst von dem ganzen Treiben. In diesem göttlichen Bewusstsein gab es „mich“ nicht mehr als einzelnen Beobachter, sondern nur noch diese alles umfassende Klarsicht. Dieses Gewahrsein sah dem Treiben der Veränderung und dem fließenden Gewebe von Leben und Tod zu ohne daran beteiligt zu sein oder zu unterscheiden. Dieses Bewusstsein bevorzugte weder das Sterben noch das Leben. Beide waren einfach nur Teil des Gewebes, das alles gleichermaßen beinhaltete und alles immer wieder neu und anders hervorbrachte. Da gab es weder Angst vor Ende und Verlust noch vor Neuanfang und dem Unbekannten. Da war nur so etwas wie eine gelassene Heiterkeit und fast könnte man sagen – Liebe. Eine Liebe, der nichts lieber war als das andere und die alles was geschah, gleichermaßen umfasste.

Vor und hinter dem Schleier – wie hängt das zusammen?

Mir ist klar, dass es sich hier um eine sehr abstrakte Beschreibung einer Erfahrung an der Grenze zum Tode handelt. Sie muss ganz ohne helles Licht am Ende eines Tunnels, Begegnungen mit verstorbenen Lieben oder engelsgleichen Wesen auskommen. Der Zusammenhang zu unserem gewöhnlichen Wirklichkeitserleben ist da nicht so leicht herzustellen. Gleichwohl gab es Anknüpfungspunkte.

Wie oben beschrieben, handelte es sich auf der Ebene des dahinter liegenden „Codes“ bzw. des Gewebes (auf Sanskrit übrigens „tantra“ genannt) bei Leben und Tod schlicht um unterschiedlich ausgeprägte Formen von Veränderung, die gleichwohl miteinander verwoben sind.

Was ist das „Ich“?

Zum anderen gab es neben dem Allbewusstsein auch noch eine andere, beschränktere Perspektive. Sie schien eher Teil des Gewebes zu sein. Es war, als würde etwas durch diese fließende Gewebearchitektur schwimmen, das jedoch nur bestimmte Ausschnitte der Umgebung und nie das Ganze wahrnehmen konnte. Dieses Etwas schien mir am ehesten meinem weltlichen, körperlichen, denkenden und fühlenden ‚Ich’ zu entsprechen. Es vermochte sich jedoch weder als einzelne Einheit gezielt und gesteuert fortzubewegen, noch konnte es eine einheitliche Perspektive einnehmen. Stattdessen entsprach es eher einem Schwarm aus unzähligen lose verbundenen Bestandteilen, wie aus Zellen, Gedanken, Gefühlen und so weiter. Auch die Instanz, die aus diesen Teilen ein stabiles ‚Ich’ basteln wollte, war selbst nur ein Teil des Schwarms und somit nicht von Dauer. Elemente des Schwarms wurden in „tote“ Bereiche gespült, verlangsamten dort ihre spiralförmigen Bewegungen und lösten sich sogar teilweise ganz vom Schwarm. Andere Teile wiederum wurden vom „Leben“ angezogen, integrierten neue Teile und wurden weitergezogen. Obwohl sich der Schwarm als Teil des Gewebes ständig fortbewegte und in engem Austausch mit dem Gewebe veränderte, verlor er als Ganzes, zumindest vorübergehend, nicht seine Zusammengehörigkeit. Und zugleich war er wohl nicht von Dauer. Wenn ich mir im Nachhinein anschaue, was mit mir geschehen ist, so ergibt das durchaus Sinn: Teile meines Körpers sind abgestorben, wurden heraus operiert oder ausgeschieden und werden nun im Verfall und weiteren Verlauf zu etwas anderem. Andere Teile meines Körpers heilen, werden genährt und leben verändert weiter. Manche Gedanken wurden still und verschwanden, neue Gewissheiten kamen durch diese Erfahrung hinzu. Weder mein Körper noch meine Identität bildeten im Gewebe fest abgrenzbare Entitäten, sondern bewegten und entwickelten sich fließend in einem größeren Zusammenhang.

Mir war klar, dass die Art und Weise wie ich in meiner gewöhnlichen Wirklichkeit lebe und sterbe deutlich die Bewegungen wie auch die Verortung des Schwarms im Gewebe beeinflusst. Und doch vermag ich nicht zu bestimmen wohin die Reise geht. Dieses kleine mitschwimmende ‚Ich‘ ist nur ein veränderlicher Aspekt des Schwarms neben anderen. Es hätte gerne Einfluss auf die Bewegungen aller Teile. Doch was letztlich mit ihm geschieht, ist viel größer als dieses Ich mit seinem Wunsch nach Kontrolle und Sicherheit. Selbst wenn mein Körper und damit auch mein Gehirn mit seinen neurologischen Verbindungen im gewöhnlichen Sinne „stirbt“, so wäre das nicht das Ende des Schwarms. Er würde sich nach wie vor durch diesen Ort im Gewebe bewegen und sich dabei nur verändern. Vermutlich würde etwas entstehen, das sich nicht mehr „Mischa“ nennen würde, nicht mehr „meinen“ Körper und „meine“ Gedankenmuster hätte, aber das doch in gewisser Weise nicht ganz neu wäre. Man könnte darin eine Version von Karma und Wiedergeburt sehen.

Menschlicher Geist oder göttliches Allbewusstsein?

Menschen, die Nahtoderfahrungen hatten, beschreiben, dass sie Zugang zu einem viel umfassenderen, möglicherweise göttlichen Bewusstsein erhielten. Und viele von ihnen glauben, dass diese Vereinigung unabhängig von ihrer Gehirnaktivität stattgefunden habe. Damit verbinden viele eine freudvolle Erfahrung, in der sie im Frieden mit allem waren. Sie sagen danach, dass sie nun „wüßten“ und nicht nur „glaubten“. So fühlt sich das auch für mich an. Doch selbst wenn ich laut den Ärzten und auch meinem eigenen Empfinden nach fast gestorben wäre, so war ich doch nie klinisch tot. Ich hatte weder einen Herzstillstand noch war ich gehirntot. Mein cerebraler Cortex war also die ganze Zeit über „online“ und ich kann unmöglich entscheiden, ob mein Gehirn an diesen Erfahrungen beteiligt war oder nicht. Ich möchte mich daher zurückhalten und nicht behaupten, dass ich die „wahre Wirklichkeit“ gesehen hätte. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass mir mein Geist während einer Ausnahmesituation „nur“ Zugang zu einer auf mich zugeschnittenen, transpersonalen Version der Wirklichkeit gewährt hatte. Was sich mir dort zeigte schien umfassender und so real und intensiv zu sein wie mein gewöhnliches Welterleben. Dieses „Schwarmbewusstsein“ wiederum war nur begrenzt alltagskompatibel. Wäre ich an der nächsten roten Ampel noch in diesem „Gewebe“ unterwegs gewesen, so wäre ich vermutlich über die Straße gelaufen und vom nächsten Auto erfasst worden…

Doch schon die Möglichkeit eines solchen erweiterten Bewusstseins finde ich erstaunlich. Sie verdeutlicht mir, welche enorme Kapazität unserem Geist innewohnt. Und es zeigt mir, dass uns andere Erkenntnisse zur Verfügung stehen, wenn diese Fähigkeit nicht durch das Geplapper der alltäglichen Gedanken und Gefühle unseres ‚Ichs‘ verschleiert wird. Es sind „Offenbarungen“, die ich ansatzweise schon in tiefer Meditation und Stille erfahren habe. Also in zeitlosen Momenten, in denen sich ein offenes, nicht unterscheidendes Gewahrsein auszuweiten vermag, das kein Zentrum mehr kennt. Eine Nahtoderfahrung kann dabei sehr hilfreich sein, aber sie ist nicht notwendig. Es gibt viele andere Praxisformen, die uns dorthin führen können.

Der Tod ist keine so große Sache

In dieser Wirklichkeit, in der Abwesenheit von Leid, ist große Klarheit, Gelassenheit, liebende Güte, Sanftmut und Freude. Trotz teilweise starker Schmerzen und anderer körperlicher Ausfälle hatte ich in dieser Zeit keine Angst vor dem Sterben. Ich hätte den weltlichen Tod widerstandslos Willkommen geheißen, denn er hatte seinen Schrecken verloren. Es war tröstlich zu erkennen, dass er nicht vom Leben getrennt ist und kein Ende bedeutet. Es ist einfach nur ein bisschen Tod und keine so große Sache…


Möchtest Du etwas mitteilen oder fragen?