Blog Philosophie yama & niyama

asteya – die Freiheit von dem Verlangen sich etwas anzueignen

Oft habe ich gelesen und gehört, dass der yama „asteya“ uns auffordere nicht zu stehlen oder uns nichts zu nehmen, was uns nicht freiwillig gegeben wurde. Das klang einerseits schlüssig, denn der Sanskritbegriff setzt sich aus den Wörtern a = nicht und steya = stehlen zusammen. Andererseits schien es mir eine recht unbedeutende Aussage zu sein, wenn man in Betracht zog an welch prominente Stelle der Yoga-Weise Patañjali asteya setzte. Es ist der dritte yama und damit ist er nicht nur im ersten Teil des achtgliedrigen rājayoga verankert, sondern er folgt direkt den grundlegenden Prinzipien ahiṃsā, der Gewaltlosigkeit, und satya, der Wahrhaftigkeit. Sollte der Yoga also unter anderem darauf begründet sein, dass wir den Besitz anderer respektieren und ihnen nichts wegnehmen?

asteya handelt nicht von Gesetzestreue

Klar, es gibt gesellschaftliche Übereinkünfte, die definieren was Eigentum und somit auch Diebstahl ist. Doch unsere Gesetze haben sich über die Menschheitsgeschichte hinweg verändert. Wem etwas zustehen soll und wem nicht, wurde sehr unterschiedlich interpretiert. Und angesichts enormer sozialer Ungleichheit, kann man sich durchaus fragen, ob unsere gesetzlich geregelte Verteilung von Ressourcen besonders gerecht ist. Wer die Macht hat, sich auf Kosten anderer zu bereichern, kann das schließlich auf ganz legalem Wege tun.

War es vor knapp 2000 Jahren also wirklich Patañjalis Anliegen, dass wir uns den jeweils gültigen Gesetzen unterwerfen? Wohl eher nicht. Patañjali war kein Politiker. Er gab mit den yamas und niyamas im Grunde Anregungen, wie wir weniger egozentrisch leben können. Denn aus Sicht des Yoga vermögen wir erst dann unsere wahre Natur zu erkennen. Patañjali ging es um die Befreiung von all unseren inneren Begrenzungen (mokṣa) und nicht um Gesetzestreue. Aber was könnte Patañjali stattdessen gemeint haben, als er uns asteya empfahl?

Das Verlangen sich etwas „zu Eigen“ zu machen

Lassen wir die gesetzliche Dimension von Besitz einmal beiseite. Gibt es noch einen anderen Aspekt von Eigentum? Denn damit scheint sich asteya zu befassen: Mit dem Verlangen sich etwas „zu Eigen“ zu machen, das an jemand anderen gebunden ist. Doch ist es wirklich möglich sich etwas anzueignen und zu besitzen?

Kann uns überhaupt irgendetwas gehören?

Was ist mit den Rohstoffen, aus denen mein Besitz ursprünglich produziert wurde? Das Wasser, das Holz, das Metall, die Mineralien, die allesamt der Erde entstammen? Kann mir die Aufmerksamkeit, der Einfallsreichtum und die Lebenszeit der Menschen gehören, die mein Eigentum entworfen, produziert und transportiert haben? Und was geschieht mit meinem Besitzanspruch, wenn sich Dinge nach und nach und ohne mein Einverständnis verändern, kaputt gehen und verfallen? Wem gehören die Asche und der Staub, die irgendwann in alle Winde verweht werden? Und was besitze ich noch, wenn mein Leben zu Ende ist? Kann ich etwas mit in den Tod nehmen, wenn mein Körper seine Form verliert und zu etwas anderem wird? Wem gehört überhaupt mein Leben? Meinen Eltern, die mich biologisch gezeugt und viel Zeit und Geld in mich gesteckt haben? Den Vorfahren meiner Eltern? Oder vielleicht den anderen Wesen oder Dingen, die mich genährt, gewärmt, geheilt, beschützt oder schlicht am Leben gelassen haben? Man könnte diese Logik des Besitzes so zuspitzen: Gehören die Dinge mir oder gehöre ich den Dingen? Trifft nicht beides zu?

Alles was uns umgibt, ist Teil von etwas anderem und verändert sich darüber hinaus fortwährend im Austausch mit seiner Umwelt. Auch die Dinge, die wir besitzen, sind auf diese Weise mit anderem verbunden.

Und das betrifft auch die Art und Weise wie ich gerade über all das nachdenke. Kann ich so sicher sein, dass die Gedanken, die ich gerade formuliere, mir gehören? Wurden sie nie zuvor gedacht? Ich schreibe diesen Text in Worten, die „mir“ gerade in den Sinn kommen. Doch habe ich weder diese Worte erfunden noch ihren Inhalt. Was hier steht basiert inhaltlich auf der Auseinandersetzung mit den Gedanken und Worten meiner Lehrer*innen und anderer Texte, die sich selbst wiederum auf teilweise sehr alte Lehren und Interpretationen beziehen.

Wie sinnvoll ist es etwas besitzen zu wollen, das mir nie wirklich gehören kann?

Etwas sein „Eigen“ zu nennen mag eine akzeptierte soziale Verabredung sein, eine Idee, die zudem handfeste Auswirkungen auf unser Leben hat und uns womöglich hilft dieses zu organisieren. Diese Idee lebt von der Illusion, dass wir uns tatsächlich etwas „zu Eigen“ machen könnten. Etwas, das doch immer mit anderem verbunden sein wird, Teil von etwas Größerem ist, das sich, genau wie wir selbst, immerzu verändert. Und dem wir gewissermaßen genauso gehören, wie wir es zu besitzen glauben.

Diese Idee hat uns bereits vor knapp 2500 Jahren die wundervolle „Ishavasya Upanishad“ auf poetische Weise näher gebracht, sie geht dabei aber noch einen Schritt weiter. So beginnt sie:

„Die Fülle ist all Jenes. Die Fülle ist all Dieses. Die Fülle wurde aus der Fülle geboren. Wenn man von der Fülle die Fülle wegnimmt, verbleibt die Fülle.“

Shanti Mantra „purnamadah“, Einleitung der Ishavasya Upanishad

Und wie könnten wir aus unendlicher Fülle etwas stehlen?

Und weiter sagt der erste Vers dieser Upanishad:

„Alles ist durchdrungen von göttlicher Präsenz, alles was sich in dieser veränderlichen Welt offenbart, ist Ausdruck des Höchsten. Erst wenn wir den veränderlichen Erscheinungen in Gleichmut begegnen, werden wir uns wahrhaftig an ihnen erfreuen können. Deshalb verlange erst gar nicht nach dem was andere zu besitzen scheinen.“

Erster Vers der Ishavasya Upanishad (freie Übersetzung, angelehnt an einen englischsprachigen Vortrag von Dr. Shrikrishna Bushan Tenge im Januar 2019, der auch diesen Textbeitrag stark inspiriert hat)

Der Name der Upanishad und der erste Vers beziehen sich auf īśvara. Dieses Sanskritwort steht für eine der allgemeinsten Bezeichnungen des Höchsten, das unser Geist zu erfassen und unser Herz zu lieben vermag. Es meint eine universale Präsenz, die alles umfasst, die allem innewohnt – und der alles „gehört“, wie wir in der Logik des Besitzes sagen könnten. Also auch wir, die wir Teil davon sind.

Folgt man dieser Auffassung, so würde alles dem „Göttlichen“ gehören, einschließlich wir selbst. Wie könnte uns dann etwas von all dem gehören? Oder anders gesagt: Wenn wir Teil davon sind, gehört uns dann nicht längst schon alles?

Das ewige Leid mit dem Eigentum

Wenn wir uns etwas zu Eigen machen wollen, verursachen wir Leid.

Echt? Dabei fühlt es sich doch so unglaublich befriedigend an, wenn wir endlich bekommen, was wir um jeden Preis haben wollten. Weshalb sonst gehen wir so gerne shoppen?

Leid entsteht nicht, wenn uns einfach etwas zuteil wird, sondern in dem Moment, in dem wir dabei unseren Gleichmut verlieren: Ich will es jetzt endlich haben! Nicht du sollst es haben, sondern ich will es besitzen! Ich will noch mehr davon haben! Ich will es behalten! Aber wenn ich nicht aufpasse, nimmst du es mir bestimmt weg. Oder es könnte kaputt gehen, und dann habe ich nichts mehr!“ Im Yoga wird diese Anhaftung als raga bezeichnet. Als sogenannter kleśa gilt es als eine der Hauptursachen des Leidens.

Doch es geht noch weiter: Um an etwas anzuhaften, das ja letztlich verbunden ist, müssen wir es erst einmal von anderen Erscheinungen trennen. Wir grenzen es von anderem ab, das wir nicht wahrhaben wollen oder ablehnen. „Ich habe nur noch Augen für das was ich begehre. Ich will nur dies und nicht das! Alle, die mir dabei im Weg stehen und nicht mit mir sind, sind gegen mich, und die können etwas erleben!“ Ein weiteres kleśa wirkt, dvesha, die Ablehnung oder Abneigung, die immer mit raga einhergeht.

Damit ist unser Leid noch nicht vorbei. Jedes Mal wenn wir uns etwas als Besitz zuschreiben, stärken wir gleichzeitig die Instanz eines Egos, dem etwas gehören soll: „Meins! Und nicht deins!“ Ich überzeuge mich davon, dass es „mein“ Haus, „meine“ Gedanken, „mein“ Glaube wären. Diese Identifikation mit einem ‚Ich‘, auch „asmitā“ genannt, ist ein weiteres kleśa. Denn wenn ich glaube dieses ‚Ich‘ wirklich zu sein, dem etwas gehören könnte, gehe ich einer Verwechslung auf den Leim. Wem gehören diese Gedanken und Dinge, die da kommen und gehen? Auf den ersten Blick scheinen sie die „meinen“ zu sein, doch wer oder was bin ich wirklich? Wenn immer wieder dieses besitzende und abgegrenzte ‚Ich‘ vor allem steht, kann ich nicht erkennen, dass ich in Wirklichkeit Teil von einem viel größeren Zusammenhang bin. Diese Illusion, dieses Nichtwissen, gilt als das größte kleśa: avidya verdunkelt die Einsicht in die Wirklichkeit der göttlichen Natur von allem was ist, und das umfasst auch uns…


asteya – ein Weg der Einsicht in unsere „wahre Natur“

Der Yoga eröffnet viele Praxiswege, die uns zu der Einsicht bringen können woran bzw. vielmehr wie wir leiden. Und ganz vorne mit dabei ist – asteya. Der yama kann uns dazu inspirieren innerlich dem Verlangen zu entsagen von etwas Besitz zu ergreifen. Unser ‚Ich‘ verliert so jedes Mal an Überzeugungskraft und vermag uns weniger über unsere wahre Essenz hinweg zu täuschen. Statt uns etwas zu Eigen zu machen, können wir uns darin üben diesen Impuls loszulassen.

Auch das niyama īśvarapraṇidhāna kann dazu beitragen. Es handelt von der Hingabe an īśvara oder einfach an eine Präsenz, die größer ist als wir und von der wir zugleich so durchdrungen sind, dass wir eins mit ihr sind. īśvara wird wiederum durch die Silbe „Om“ repräsentiert und findet sich auch in der Praxis des praṇava japa wieder, der hingebungsvollen Om-Rezitation.

Einen etwas anderen Ansatz bietet die Selbstbefragung des großen stillen Meisters Ramana Maharshi. Die wiederholte Frage „wer bin ich?“ wurde zu einem zentralen Element seiner Lehre. Er erkannte wohl bei einer Begegnung mit dem Tod, dass ihn nicht dieses identifizierte ‚Ich‘-Konstrukt ausmachte, sondern sein ‚wahres Selbst‘ Teil von etwas viel Größerem war. Solch eine eindrückliche Erfahrung durfte auch ich einmal machen, als ich dem Tod nahe kam und viele Menschen mit Nahtoderfahrungen teilen sie.

Was bedeutet asteya ganz praktisch, auf dieser Welt, in diesem Leben?

Vielleicht wirkt asteya nach diesen vorausgegangenen Beschreibungen noch etwas abstrakt und weltfremd. Alles hängt irgendwie zusammen, Einsicht in unser höheres Selbst, man kann nichts besitzen…?!

Die yamas haben zwar eine tiefere Bedeutungsebene, aber sie dienen in erster Linie als konkrete Hinweise, wie wir mit unserer Umwelt umgehen können. Daher gleich vorweg: asteya meint keineswegs, dass wir uns absondern, abstumpfen oder in Askese vor der Welt verstecken sollen, damit wir bloß nicht den Verlockungen des Besitzes erliegen… Wir leben ja auf dieser Welt, wir sind unweigerlich mit ihr verbunden, wir lieben, wir haben einen Sinn für ihre Schönheit und natürlich haben wir Bedürfnisse, die wir erfüllen müssen, um als menschliche Wesen zu überleben.

Doch auf welche Weise machen wir das? Entspringt der Impuls, unsere Hand nach etwas auszustrecken, einem natürlichen Bedürfnis und haben wir den Wunsch uns mit etwas zu verbinden? Oder steuert uns unsere Gier oder der neidvolle Vergleich? Können wir uns von unseren Besitzansprüchen innerlich leer machen, um zu bemerken, dass wir bereits in der Fülle leben? Oder andersherum? Dabei kann uns das yama aparigraha unterstützen.

Wenn wir zum Beispiel Hunger haben, werden wir dann nur von unserem Verlangen getrieben? Bestehen wir darauf, dass wir doch etwas Besseres verdient hätten und auch bekommen sollten? Stopfen wir alles unersättlich in uns hinein oder nehmen mehr als wir brauchen? Wollen wir es unbedingt am nächsten Tag wieder haben? Ohne Rücksicht darauf, ob das auf Kosten anderer geht, die ebenfalls hungrig sind? Oder essen wir gleichmütig, dankbar und in Maßen, um uns zu ernähren?

Welche anderen Dinge nehmen wir uns einfach „für uns“ heraus? Greifen wir ungefragt und bedürftig nach der Aufmerksamkeit, der Energie oder Zeit von anderen, die diese vielleicht in etwas ganz anderes stecken wollten? Oder ist es möglich unser Bedürfnis zu zeigen, ohne von anderen zu erwarten oder gar einzufordern, dass sie es befriedigen sollen?

Wollen wir uns mit den klugen Ideen und Gedanken schmücken, die andere zuvor formuliert haben und bereits in der Welt sind? Oder vermögen wir es bescheiden einen Teil zu einer größeren Geistesgeschichte beizutragen?

Wenn wir in dieser Welt leben und an der Gesellschaft teilhaben wollen, so bewegen wir uns auch im Rahmen gesetzlicher Vorgaben, die unter anderem regeln was „Eigentum“ ist. Um unsere Bedürfnisse zu erfüllen und uns zu verbinden, werden wir also auch unweigerlich rechtlich gesehen etwas „besitzen“. Wir müssen Essen kaufen, um uns zu ernähren, wir erwerben Kleidung, die uns wärmt und uns dabei hilft bestimmten Erwartungen, zum Beispiel im Job, zu entsprechen, wir haben ein Smartphone, um mit anderen kommunizieren zu können, wir investieren in Wohnraum, damit wir ein trockenes Dach über dem Kopf haben und so weiter. Doch wie gehen wir mit diesen gesellschaftlichen Angeboten um? Nehmen wir sie uns, damit wir uns von anderen unterscheiden? Wollen wir sie von anderen nehmen, damit sie weniger und wir mehr haben? Geht es uns nur darum unsere weltliche Identität auszustatten und unser Ego aufzublasen? Oder ist es möglich rechtlich gesehen Dinge zu besitzen und zugleich frei von dem Verlangen nach Besitz zu sein? Können wir uns mit Dingen in Gleichmut umgeben, sie nutzen und sie uns innerlich dennoch nicht als „Eigenes“ zuschreiben?

Anders als ich ursprünglich einmal dachte, handelt der yama asteya wohl weniger davon anderen nichts wegzunehmen. Wenn wir es uns einfach nur dogmatisch verbieten, ohne zu wissen weshalb, erzeugen wir mit diesem Zwang nur neue Probleme. Vielmehr kann uns asteya dazu inspirieren unser Verlangen zu zügeln uns etwas anzueignen, das letztlich nie uns gehören kann und unweigerlich immer mit anderem und anderen verbunden bleibt. In diesem wissenden Verzicht werden wir ein Stückchen freier, um an etwas Größerem teilzuhaben und uns an dieser Fülle und Verbundenheit zu erfreuen.

Möchtest Du etwas mitteilen oder fragen?