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brahmacarya – das verbundene Leben

brahmacarya gilt traditionell als das Prinzip der sexuellen Enthaltsamkeit. Teilweise wurde es sogar auf jegliche Form sinnlicher Lust ausgeweitet. Auch die Ehelosigkeit bzw. der Verzicht auf partnerschaftliche Beziehungen zugunsten eines Lebenswandels, der sich ganz einem spirituellen Weg verschreibt, wurden damit propagiert. Auf den ersten Blick mag diese Sichtweise einleuchten. Schließlich gelten die yamas, die den ersten Teil des achtgliedrigen rājayoga Patañjalis bilden, doch als Lebensprinzipien, die zu einem maßvollen Umgang mit anderen inspirieren möchten. Nicht nur im Westen wurde der yama brahmacarya aufgrund der lustfeindlichen Auslegung allerdings recht unpopulär. Und viele moderne Yogi*nis, die kein Noviziat oder monastisches Leben anstreben, wissen in ihrem Alltag nicht viel damit anzufangen. Auch ich wunderte mich anfangs über diese Interpretation, die mir nicht zu den anderen, so lebensnahen yamas zu passen schien.

Als vierter yama folgt brahmacarya den grundlegenden Prinzipien von ahiṃsāder Gewaltlosigkeit, satya, der Wahrhaftigkeit und asteya, der Freiheit von dem Verlangen sich etwas anzueignen. Der fünfte yama aparigraha, das Vertrauen in die Fülle des Lebens, rundet diesen ersten Teil schließlich ab. Die yamas sind Orientierungen für unser Leben, die von Patañjalis tiefer Einsicht zeugen und zugleich pragmatisch und alltagstauglich daherkommen. Könnte in brahmacarya also vielleicht nicht noch mehr stecken? Vielleicht sogar das genaue Gegenteil von Bindungslosigkeit und sexueller Enthaltung?

brahmacarya steht nicht für sexuelle Unterdrückung und Selbstverleugnung

Wenn wir die yamas lediglich darauf beschränken, die Ereignisse zu verneinen, die an ihrer Oberfläche erscheinen, wie Gewalt, Unaufrichtigkeit, Diebstahl, die Ansammlung von Vermögen, oder eben die sinnliche Lust, so verneinen wir nur uns selbst. Natürlich, alle diese Aspekte unseres Lebens können zu Problemen und Leid führen. Sie sind jedoch auch eng mit unserem Menschsein verbunden, unseren Trieben, Impulsen und Energien. Und welche Probleme würden wir wohl erst verursachen, wenn wir uns dazu zwängen sie einfach nur zu unterdrücken?

Bleiben wir bei der Sexualität, da brahmacarya so oft mir ihr in Verbindung gebracht wurde. Alle Religionen und spirituellen Traditionen kamen nicht umhin sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wie sollte mit der mächtigen Agenda unseres Körpers, sich fortzupflanzen, umgegangen werden? Was tun mit den Bedürfnissen nach körperlicher Berührung? Wohin mit all der Erregung, dem Begehren und den wilden, machtvollen Auswüchsen des Verlangens? Und welcher Raum sollte der Sehnsucht eingeräumt werden, mit jeder Faser des Körpers „Liebe zu machen“ und sich zärtlich zu vereinigen? Der sexuelle Aspekt unserer Lebenskraft bringt in ganz eigener Weise unser vielschichtiges Innenleben zum Ausdruck und zeigt sich entsprechend in unzähligen Facetten.

Die in dieser Hinsicht pragmatischen Traditionen des Tantra und Taoismus beispielsweise verzichteten darauf, Gebote aufzustellen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. Statt sexuelle Unterdrückung zu predigen, wiesen sie auf die ungeheure energetische Kraft, die positiven Auswirkungen auf unsere Lebensenergie und Gesundheit wie auch auf das spirituelle Potenzial hin. In ihrer sublimierten und auf Ganzheit ausgerichteten Form erlaube die sexuelle Energie eine Verbindung von Körperlichem und Metaphysischem, so ihre Verfechter*innen.

Es gab in der Menschheitsgeschichte aber auch viele Versuche die Sexualität zu regeln, zu moralisieren, zu verbannen und zu unterdrücken. Einige Religionen behaupten gar, dass man sich Gott nicht nähern könne, wenn man die Sexualität zulasse. Ihre Vertreter*innen verurteilen die Sexualität, postulieren Keuschheit und unterwerfen sich dem Zölibat, obgleich sich viele von ihnen vor Lust verzehren. Dieser Weg scheint mir dem Versuch zu gleichen, einen mit Luft gefüllten Ball tief im Wasser versenken zu wollen, und sich dann darüber zu wundern, dass er mit umso mehr Energie nach oben springt. Viele Formen des Missbrauchs, der machtvollen sexuellen Gewalt und krankhafte Problemverschiebungen sind aus dieser Selbstverleugnung, Unterdrückung und moralischen Verurteilung hervorgegangen.

„Wandel in das Absolute“ – die Poesie des brahmacarya liegt in tiefer Verbundenheit

Ohne die Praktiken der Enthaltsamkeit dadurch pauschal abwerten zu wollen, finde ich doch, dass sich brahmacarya leichter zu erschließen vermag, wenn es auch, aber nicht nur nur auf der Ebene der sinnlichen Lust betrachtet wird. Was, wenn wir uns von der wörtlichen Bedeutung dieses yamas inspirieren lassen?

Die Übersetzung lautet „Wandel im brahman“ oder auch „Wandel in das Absolute“. Eine geradezu poetische Wendung! Und obwohl sie recht abstrakt daherkommt, lädt sie doch regelrecht dazu ein, diesen yama großzügiger auszulegen.

Es fragt sich natürlich in was genau da gewandelt werden soll. Das brahman steht im Hinduismus für den Urgrund allen Seins, der in und zugleich außerhalb der Welt ist. Dieses Absolute meint nicht einen irgendwie gearteten, personalisierten Schöpfergott, sondern die Realität, die allen veränderlichen Erscheinungen der Welt innewohnt und zugleich unwandelbar ist, ohne Anfang und Ende. Es ist ein größerer oder vielmehr der größte Zusammenhang, der weit über uns hinausgeht und uns doch, mit allem was uns ausmacht, ausfüllt und umfasst. Wir, oder vielmehr unsere unsterbliche Seele, das atman, ist eins mit dem brahman, wir wissen es aber nicht unbedingt. Denn die Wahrheit des brahman ist für unseren gewöhnlichen Geist unsichtbar und undenkbar.

Es klingt paradox – obwohl wir schon Eins mit dem brahman sind, möchte brahmacarya uns einen Lebenswandel nahelegen, der uns Eins mit dem Absoluten werden lässt?

Keine Sorge, wir müssen nichts tun, um uns irgendwie für brahman zu „qualifizieren“. Der yama handelt vielmehr davon, wie wir die Einsicht erlangen können, dass wir und ebenso alle und alles andere bereits mit etwas viel Größerem verbunden sind, beziehungsweise wie wir leben können, um diese Verbundenheit zu würdigen.

brahmacarya als sinnliche Praxis

Das mag immer noch etwas abstrakt klingen. Was bedeutet es nun im „brahman zu wandeln“? Zuerst einmal, dass nichts, auch nicht unser Ego, das Zentrum von etwas sein kann, das absolut ist. Auch wenn es sich für uns oft so anfühlt, als würde sich alles um uns drehen und als wären wir der Bauchnabel des Universums.

Doch was ist mit unserem Bauchnabel und allen körperlichen Erfahrungen drumherum? Für ein Leben in brahmacarya müssen wir keine asexuellen Einsiedler*innen werden, die sich alle sinnlichen Freuden verbieten und die wahrnehmbare Welt ausschließen. Wir brauchen unsere Sinne nicht zu unterdrücken. brahmacarya kann genauso bedeuten, den Eros, das Leben und seine Schönheit mit allen Sinnen und unserem ganzen Körper zu feiern! Das kann ein wunderbarer Weg sein, um unsere tiefere und zugleich höhere Verbindung zu spüren. Der yama erinnert uns lediglich daran, dass es nicht darum geht uns im Theater unserer Sinne in den Mittelpunkt zu stellen. Er stellt uns die Frage, ob wir das Leben feiern können, ohne uns von unseren Sinnen beherrschen zu lassen, ihnen maßlos zu verfallen oder von diesem sinnlichen Rausch abhängig zu werden. Können wir im Fest des Lebens unsere Sinne integrieren, und gleichzeitig die Impulse, die unser Geist durch sie erfährt, bewusst meistern und nutzen (pratyāhāra)?

brahmacarya als Verbindung unserer Lebensenergien mit dem Absoluten

brahmacarya kann eine wunderbare Orientierung für eine sinnliche und zugleich ganz alltägliche Form der Yogapraxis sein, die achtsam und gleichzeitig hingebungsvoll mit unseren Lebensenergien umgeht. Im Yoga wird die grundsätzlichste Form unsere Lebensenergie prāṇa genannt. Der ‚Atem des Universums‘ belebt uns und steht hinter den Funktionen unseres Körpers und Geistes. Die verschiedenen Haupt- und Unterformen des prāṇa fließen durch unsere Energiebahnen, die sogenannten nāḍis, und regulieren auf der physischen Ebene zum Beispiel unsere Atmung, den Herzschlag, die Verdauung oder auch die Sexualität. Diese Lebensenergien sind überall, sie durchdringen jede Faser, jede Energiebahn unseres Körpers und solange sie durch uns fließen, sind wir verbunden. Welchen Sinn sollte es haben sie zu verleugnen?

Ob wir es nun spüren oder nicht, wir stehen in einem energetischen Austausch mit der Welt und sind auf diese Weise nicht nur mit anderen, sondern immer auch mit etwas Größerem verbunden. Oder wie es Donna Farhi viel einfacher auszudrücken vermag:

„Brahmachahrya means merging one’s energy with God.“

Donna Farhi (2000): Yoga mind, body & spirit

Doch schauen wir uns noch einmal speziell die Bedeutung der sexuellen Energie für brahmacarya an, da sich so oft auf sie bezogen wurde. Sexualität ist nicht mit Liebe zu verwechseln, doch wenn Liebe durch uns fließt, so kann uns die Sexualität, nicht nur während eines Orgasmus, vorübergehend eine Form der Auflösung schenken, in der es kein ‚Du‘ und ‚Ich‘ mehr gibt, kein Problem und kein Leid. Wir fühlen uns verbunden und das kann eine sehr umfassende Erfahrung sein – „kosmischer Sex“, wie es ein Freund von mir einmal nannte. Ist das nicht eine schöne Art und Weise „im brahman zu wandeln“…?

Der taoistische Yoga-Meister Mantak Chia lehrt zudem, dass die sexuelle Energie oder Essenz („Ching“) ein ganz natürlicher und kraftvoller Aspekt der rohen Lebensenergie („Chi“) sei. Ching könne nicht nur durch Enthaltsamkeit gesteigert und genutzt werden, sondern im Gegenteil sogar besonders durch bewusste sexuelle Aktivität und subtile Lenkung dieser Energien. Unter anderem würden dabei die gegensätzlichen Energiepole von Yin und Yang vereint und die geistige Sublimierung der Energie („Shien“) ermögliche es sich auf die Erfahrung von Ganzheit und Einssein hin auszurichten. (Vgl. Mantak Chia, 2008: Tao Yoga der Liebe)

Und doch kann brahmacarya genauso bedeuten sich für sexuelle Zurückhaltung zu entscheiden und die sexuelle Energie auf andere Weise einzusetzen. Selbst der sexuell aufgeschlossene Taoismus weist auf die Risiken einer unwissenden, unbedachten und maßlosen Sexualität hin, wie beispielsweise dem damit einhergehenden Energieverlust. Enthaltsamkeit kann das verhindern. Und wenn diese Praxis ohne inneren Zwang und mit großer Achtsamkeit erforscht wird, so kann die Steigerung, Konzentration und gezielte Lenkung der sexuellen Energie belebend und inspirierend sein. Sie kann sogar für eine geistige Praxis transformiert werden. Und angesichts der Macht unserer körperlichen Antriebe können wir nebenbei viel über unsere hungrigen Egos, ihre überbordenden Phantasien und ihre Ohnmacht lernen. Doch viele Menschen, die zölibatär leben, ohne darauf vorbereitet zu sein, unterschätzen die Auswirkungen dieser Praktiken. Sie werden nicht selten von der Wucht ihrer eigenen Energie mitgerissen. Aus falsch verstandener Disziplin und in dogmatischer Unterdrückung dessen, was sie eigentlich wollen, tragen sie ihre sexuellen Probleme in die Welt. Davor sind jedoch auch Menschen nicht gefeit, die ihre Sexualität ausleben…

brahmacarya – die Würdigung unserer Verbundenheit

brahmacarya ist nicht auf eine bestimmte Praxis festgelegt. Wir können uns sexuell entfalten oder sexuell enthalten, wir können in einer Partnerschaft leben oder auch nicht, wir können im prāṇāyāma unsere Lebensenergie gezielt durch uns fließen lassen und uns auf diese Weise mit dem Leben verbinden. Wir sind frei darin einen Lebensweg zu wählen, zumindest im Rahmen dessen, was wir beeinflussen können.

Die Frage ist, auf welche Weise wir diesen Weg gehen. Haben wir Angst etwas zu verpassen oder nicht genug zu bekommen? Greifen wir gierig nach dem was unsere Sinne verlangen? Nutzen wir andere für die Befriedigung unserer Bedürfnisse aus? Tun wir ihnen dafür Gewalt an? Sind wir uns und anderen gegenüber unaufrichtig? Missbrauchen wir unsere Energien dafür, um unsere Ich-Bezogenheit und damit ein Getrenntsein zu nähren, vielleicht sogar unter Verwendung spiritueller Techniken?

brahmacarya lädt uns hingegen zu einem Lebenswandel ein, der sich hingebungsvoll und bewusst für das Wesentliche öffnet: Verbindung. Im energetischem Austausch mit anderen und der Welt kann sich uns intuitiv erschließen, dass der Unterschied zwischen ‚mir und dir‘ gar nicht so groß ist – und in letzter Instanz nicht einmal existiert.

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