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Das verbundene Leben (brahmacarya)

Keinen Sex? Keine sinnliche Lust? Welche Spaßbremse hat sich das denn bitteschön ausgedacht?! Im frühen Yoga wurde ein spiritueller Weg an das Prinzip von brahmacarya geknüpft, traditionell als sexuelle Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit interpretiert. In einigen Auslegungen wurde es gar auf sämtliche sinnliche Freuden ausgeweitet. Schließlich gelten im Yoga die fünf yamas, zu denen auch brahmacarya gezählt wird, als Lebensprinzipien, die einen maßvollen Umgang mit anderen propagieren. Im Westen wurde diese Auslegung als lustfeindlich empfunden und fand wenig Anklang. Viele zeitgenössische Yoga-Praktizierende, die kein monastisches, sondern einfach ein achtsames Leben anstreben, wissen in ihrem Alltag nicht viel damit anzufangen. Auch mir schien diese Interpretation nicht zu den anderen, so lebensnahen und alltagsrelevanten yamas zu passen. Könnte noch mehr dahinterstecken? Am Ende vielleicht sogar das genaue Gegenteil von sexueller Enthaltung und Bindungslosigkeit?

Die Probleme sexueller Unterdrückung und Selbstverleugnung

Wenn die yamas lediglich darauf beschränkt werden, die Ereignisse zu verneinen, die an ihrer Oberfläche erscheinen, also zum Beispiel Gewalt (ahiṃsā), Unaufrichtigkeit (satya), Diebstahl (asteya), Gier (aparigraha) oder eben die sinnliche Lust, so verneinen wir womöglich nur uns selbst. Natürlich können alle diese Aspekte zu Problemen und Leid führen. Sie sind jedoch auch eng mit unserem Menschsein verbunden, unseren Trieben, Impulsen, Bedürftigkeiten und Energien. Welche Probleme würden wir verursachen, wenn wir uns dazu zwängen sie einfach nur zu unterdrücken?

Bleiben wir bei der Sexualität. Alle Religionen und spirituellen Traditionen kamen nicht umhin sich damit auseinanderzusetzen. Wie sollte mit der mächtigen Agenda unseres Körpers, sich fortzupflanzen, umgegangen werden? Was tun mit den Bedürfnissen nach körperlicher Nähe? Wohin mit all der Erregung, dem Begehren und den wilden Auswüchsen des Verlangens? Welcher Raum sollte der Sehnsucht eingeräumt werden, mit jeder Faser des Körpers „Liebe zu machen“? Der sexuelle Aspekt unserer Lebenskraft bringt in ganz eigener Weise unser vielschichtiges Innenleben zum Ausdruck und zeigt sich entsprechend in unzähligen Facetten.

Die in dieser Hinsicht pragmatischen Traditionen des Tantra und Taoismus beispielsweise verzichteten darauf, Gebote aufzustellen. Statt sexuelle Unterdrückung zu predigen, wiesen sie auf die ungeheure energetische Kraft, die positiven Auswirkungen auf unsere Lebensenergie, unsere Gesundheit wie auch auf das spirituelle Potenzial hin: In ihrer sublimierten Form erlaube die sexuelle Energie sogar die Verbindung von Körperlichem und Metaphysischem.

Es gab in der Menschheitsgeschichte jedoch auch unzählige Versuche die Sexualität zu verregeln, zu moralisieren, zu verbannen und zu unterdrücken. Ihre Vertreter*innen verurteilen die Sexualität, postulieren Keuschheit und unterwerfen sich dem Zölibat, obgleich sich viele von ihnen vermutlich vor Lust verzehren. Dieser Weg gleicht dem Versuch, einen mit Luft gefüllten Ball tief im Wasser versenken zu wollen, um sich dann darüber zu wundern, dass er mit umso größerer Energie nach oben schnellt. Viele Formen des Missbrauchs, der machtvollen sexuellen Gewalt und krankhafte Problemverschiebungen sind aus dieser Selbstverleugnung, Unterdrückung und moralischen Verurteilung hervorgegangen.

„Wandel in das Absolute“ – die Poesie des brahmacarya liegt in tiefer Verbundenheit

Ohne Praktiken der Enthaltsamkeit dadurch pauschal abwerten zu wollen, finde ich doch, dass sich brahmacarya zu erschließen vermag, wenn es auch, aber nicht nur nur auf der Ebene der sinnlichen Lust betrachtet wird. Was, wenn wir uns von der wörtlichen Bedeutung dieses yamas inspirieren lassen?

Die Übersetzung lautet „Lebenswandel im brahman“ oder auch „Wandel in das Absolute“. Eine geradezu poetische Wendung! Und obwohl sie recht abstrakt daherkommt, lädt sie doch zu einer großzügigeren Auslegung ein.

Es fragt sich natürlich in was genau da gewandelt werden soll. Das brahman steht im Hinduismus für den Urgrund allen Seins, der in und zugleich außerhalb der Welt ist. Dieses Absolute meint keinen, wie auch immer gearteten, personalisierten Schöpfergott, sondern das was allen veränderlichen Erscheinungen der Welt innewohnt und zugleich unwandelbar ist, keinen Anfang und kein Ende hat. Es ist ein größerer oder vielmehr der größte Zusammenhang, der weit über uns hinausgeht und uns doch, mit allem was uns ausmacht, ausfüllt und umfasst. In dieser Vorstellung sind wir also bereits Eins mit dem brahman. Wir wissen es allerdings nicht unbedingt, da diese Wahrheit für unseren gewöhnlichen Geist unsichtbar und undenkbar ist. Aber wenn wir doch schon Eins mit dem brahman sind, weshalb möchte brahmacarya uns dann noch einen Lebenswandel nahelegen, der uns mit dem Absoluten vereint? Müssen wir denn etwas tun oder unterlassen, um uns irgendwie für brahman zu „qualifizieren“? Ich verstehe es einfach so, dass wir mithilfe der Achtsamkeit die tiefe Einsicht erlangen können, dass wir und ebenso alle und alles andere bereits mit etwas viel Größerem verbunden sind. Das zeigt uns zugleich wie wir leben können, um diese Verbundenheit zu würdigen.

Eine sinnliche Achtsamkeitspraxis

Das mag immer noch etwas abstrakt klingen. Was bedeutet es denn nun konkret im „brahman zu wandeln“? Zuerst einmal, dass nichts das Zentrum von etwas sein kann, das absolut ist. Auch wenn es sich für uns oft so anfühlt, als würde sich alles um uns drehen und als wären wir der Bauchnabel des Universums…

Apropos Bauchnabel. Und all die körperlichen Erfahrungen drumherum? Sollen wir für ein Leben in brahmacarya asexuelle Einsiedler*innen werden, die sich alle sinnlichen Freuden verbieten und die wahrnehmbare Welt ausschließen?

Ich glaube, dass wir unsere Sinne nicht zu unterdrücken brauchen, sondern den Eros, das Leben und seine Schönheit sogar mit allen Sinnen und unserem ganzen Körper feiern können! Das kann ein wunderbarer Weg sein, um unsere Verbindung zu spüren. brahmacarya erinnert uns lediglich daran, dass es nicht darum geht uns im Theater unserer Sinne in den Mittelpunkt zu stellen. Er stellt uns die Frage, ob wir das Leben feiern können, ohne uns von unseren Sinnen beherrschen zu lassen, ihnen maßlos zu verfallen oder von diesem sinnlichen Rausch abhängig zu werden. Können wir im Fest des Lebens unsere Sinne integrieren, und gleichzeitig der Impulse, die unser Geist durch sie erfährt, bewusst sein?

Die Verbindung unserer Lebensenergien mit dem Absoluten

brahmacarya kann uns eine Orientierung für ein sinnliches Leben geben, in dem wir achtsam und hingebungsvoll mit unseren Lebensenergien umgehen. Diese beleben uns und stehen hinter den Funktionen unseres Körpers und Geistes, regulieren auf physischer Ebene zum Beispiel unsere Atmung, den Herzschlag, die Verdauung und eben auch die Sexualität. Diese Lebensenergien sind überall, sie durchdringen jede Faser, jede Energiebahn unseres Körpers und Ihr Fließen ist Ausdruck unseres Verbundenseins! Welchen Sinn sollte es haben sie zu verleugnen?

Ob wir es nun spüren oder nicht, wir stehen in einem energetischen Austausch mit der Welt und sind auf diese Weise nicht nur mit anderen, sondern immer auch mit etwas Größerem verbunden. Oder wie es die Yogalehrerin Donna Farhi viel einfacher auszudrücken vermag:

„Brahmachahrya means merging one’s energy with God.“

Donna Farhi (2000): Yoga mind, body & spirit

Was bedeutet das konkret in Bezug auf unsere sexuelle Energie? Auch wenn sie nicht mit Liebe gleichzusetzen ist, so kann, wenn Liebe in uns ist, uns die Sexualität ein Gefühl der Auflösung schenken, in dem es kein ‚Du‘ und ‚Ich‘ mehr gibt. Wir fühlen uns verbunden und das kann eine sehr umfassende Erfahrung sein – „kosmischer Sex“, wie es ein Freund von mir einmal nannte. Ist das nicht eine schöne Art und Weise „im brahman zu wandeln“…?

Der taoistische Yoga-Meister Mantak Chia lehrt, dass die sexuelle Energie („Ching“) ein ganz natürlicher und kraftvoller Aspekt der rohen Lebensenergie („Chi“) sei. Ching könne besonders durch achtsame sexuelle Aktivität und subtile Lenkung dieser Energien genutzt werden. Unter anderem würden dabei die gegensätzlichen Energiepole von Yin und Yang vereint und die geistige Sublimierung der Energie ermögliche es sich auf die Erfahrung von Ganzheit und Einssein hin auszurichten. (Vgl. Mantak Chia, 2008: Tao Yoga der Liebe)

Ein verbundenes Leben kann aber auch bedeuten sich bewusst für sexuelle Zurückhaltung zu entscheiden und die sexuelle Energie auf andere Weise einzusetzen. Selbst der sexuell aufgeschlossene Taoismus weist auf die Risiken einer unwissenden, unbedachten und maßlosen Sexualität hin. Enthaltsamkeit kann davor schützen. Und wenn diese Praxis ohne inneren Zwang und mit großer Achtsamkeit erforscht wird, so kann die Steigerung, Konzentration und gezielte Lenkung der sexuellen Energie belebend und inspirierend sein und sogar für eine geistige Praxis transformiert werden. Angesichts der Macht unserer körperlichen Triebe können wir nebenbei auch noch viel über unsere hungrigen Egos, ihre überbordenden Phantasien und ihre Ohnmacht lernen… Doch zölibatär lebende Menschen, die darauf nicht vorbereitet sind, unterschätzen womöglich die Auswirkungen solcher Enthaltsamkeitspraktiken. Sie werden nicht selten von der Wucht ihrer eigenen Energie mitgerissen. Und aus falsch verstandener Disziplin und in dogmatischer Unterdrückung dessen, was sie eigentlich wollen, tragen sie ihre sexuellen Probleme in die Welt. Davor sind jedoch genauso wenig Menschen gefeit, die ihre Sexualität unachtsam ausleben.

Unsere Verbundenheit würdigen

Wir können uns also sexuell entfalten oder sexuell enthalten, wir können in einer Partnerschaft leben oder auch nicht, wir können unsere Lebensenergien gezielt durch uns fließen lassen und uns auf diese Weise mit dem Leben verbinden. Wir sind frei darin einen Lebensweg zu wählen, zumindest im Rahmen dessen, was wir beeinflussen können.

Die Frage ist, auf welche Weise wir diesen Weg gehen. Haben wir Angst etwas zu verpassen oder nicht genug zu bekommen? Greifen wir gierig nach dem was unsere Sinne verlangen? Nutzen wir andere für die Befriedigung unserer Bedürfnisse aus? Tun wir ihnen dafür Gewalt an? Sind wir uns und anderen gegenüber unaufrichtig? Missbrauchen wir unsere Energien dafür, um unsere Ich-Bezogenheit und damit ein Getrenntsein zu nähren, vielleicht sogar unter dem Vorwand spiritueller Techniken?

Oder entscheiden wir uns für einen Lebenswandel, der sich hingebungsvoll und achtsam für das Wesentliche öffnet: Verbindung. Im energetischem Austausch mit anderen und der Welt kann sich uns intuitiv erschließen, dass der Unterschied zwischen ‚mir und dir‘ gar nicht so groß ist – und in letzter Instanz nicht einmal existiert.

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